Die Abfertigung im Hafen geht superschnell und wir können nach kurzer Zeit mit dem Motorrad los starten – aber wo geht’s jetzt hin? Wir haben uns auf dem Schiff überlegt, dass wir gerne noch einen Teil von Uruguay sehen möchten, bevor es runter in den Süden gehen soll. Die Küste ist dafür am besten geeignet, weil nur dort Wildcampen möglich sein soll. Also fahren wir in Richtung des kleinen Fischerdorfs Punta del Diablo, das uns zuvor von einer Bekannten empfohlen worden ist. Es liegt ziemlich weit oben an der Küste, nahe der brasilianischen Grenze. Dass es als „Geheimtipp“ im Lonely Planet-Reiseführer steht, den ich mir auf dem Schiff von Caroline ausgeliehen hatte (obwohl ich mir eigentlich geschworen hatte, diese Teile nicht mehr in die Hand zu nehmen), hat mich allerdings ein bisschen stutzig gemacht. Heutzutage ist nämlich so ziemlich jede/r Reisende mit einem Lonely Planet unterwegs, was dazu führt, dass „einsame Orte“ nun gar nicht mehr so einsam sind. Nun gut, wir haben ja den Vorteil, dass wir einfach wieder umkehren können, wenn es uns nicht gefällt.

Die erste Nacht im Freien

Zuerst heißt es aber, schnell aus Montevideo herauszukommen. Mit dem vollbepackten Motorrad durch den Trubel der Metropole zu fahren, macht einfach keinen Spaß. Wie in jedem Land, in dem man zum ersten Mal fährt, muss man sich auch erst mal hier auf den Verkehr und seine Teilnehmer einstellen. Viele fahren auffällig ungeduldig und auch das Ampelsystem ist gewöhnungsbedürftig, da die Ampeln jeweils am hinteren Ende der zu überfahrenden Kreuzung stehen. Auch die Vorfahrtsregeln sind für uns noch nicht verständlich. Es gibt keine Schilder, sondern es ist eher eine Intuitionssache.

Es ist touristische Hochsaison hier in Uruguay. Die Schulferien locken massenweise Touristen zu den beliebten Stränden, an denen wir auf dem Weg entlang der Küste mit dem Mopped vorbeirauschen. Schnell merken wir, dass es schwierig werden kann, einen einsamen Schlafplatz zu finden. Doch wir haben Glück und können hinter einer kleinen Schotterpiste ein halbwegs ruhiges Plätzchen finden. Endlich packen wir zum ersten Mal unser Zelt, die Stühle und den kleinen Kocher aus, um es uns im Freien gemütlich zu machen. Und auch wenn wir hier nicht ganz allein sind und noch ein paar Leute vorbeigefahren kommen, scheint unsere Anwesenheit niemanden zu stören.

Der Hobo-Kocher

Gekocht wird mit Holz, das wir uns in der Umgebung suchen

Schnell raus aus Punta del Este

Am nächsten Tag haben wir es nicht weit, bis wir in Punta del Este ankommen. Die Stadt ist ein wahrer Touristenmagnet. Hier trifft sich die High Society Südamerikas, um in der Sonne zu brutzeln und Cocktails zu schlürfen. Besonders schön sind die Strände hier trotzdem nicht und auch die zahlreichen Hochhäuser haben für uns keinen Charme. Die Uruguayer sind hingegen ganz nett anzuschauen, denn sie sind anscheinend ein sportliches Völkchen: Entlang der Promenade sehen wir ganze Scharen an Joggern, die leicht bekleidet durch die pralle Mittagssonne laufen.

In Punta del Este fahren wir zu einem Triumph und Ducati Shop, um uns mit Ignacio, dem Vertreter von Touratech Uruguay, zu treffen. Er hatte uns zu einem Besuch eingeladen, nachdem wir ihm über Horizons Unlimited (eine Gruppe für unabhängige Reisende) angeschrieben hatten. Leider ist Ignacio ausgerechnet heute nicht da. Darum beschließen wir, noch einmal auf dem Rückweg vorbeizuschauen.

Als es wieder einmal heißt, einen Schlafplatz für die bevorstehende Nacht zu finden, werfen wir einfach einen Blick auf die Karte. Am liebsten würden wir in der Nähe einer Lagune übernachten, damit wir Wasser zum Waschen haben. Doch dieser Traum bleibt uns dieses Mal leider verwehrt. Rund um die Gewässer ist einfach alles umzäunt. Auch als wir auf den Schotterpisten weiter ins Landesinnere fahren, bleiben wir erfolglos. Ausnahmslos fahren wir entlang von eingezäuntem Weideland, das einzig den Kühen und Pferden vorbehalten ist. Trotzdem macht dieser Abstecher Spaß, denn die Pisten in Uruguay sind ein wirklich schöner Einstieg in das Offroad-fahren. Wir biegen also wieder ab, es geht zurück zur Küste, genauer gesagt in die Nähe der Laguna Rocha. Auf dem langen Schotterweg dorthin fliegen uns die grünen Papageien um die Ohren. Und ganz am Ende der Straße finden wir schließlich auch einen kleinen Feldweg, der uns direkt an den Strand bringt. Dass hier auch ein paar lokale Angler am Wochenende fischen, stört uns nicht.

Nicki und Moe sitzen an den Dünen vor ihren Zelt, das Motorrad steht direkt daneben

Wildcampen direkt am Strand

Schotter ist ein gutes Zeichen

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, um uns auf den doch eher langweiligen Weg nach Punta del Diablo zu begeben. Es geht immer nur geradeaus. Kurz vor unserem Ziel werden die Backpacker, die mit ausgestrecktem Daumen und Dreadlocks am Straßenrand stehen, immer zahlreicher. Als wir schließlich ankommen, können wir es kaum glauben. Was vielleicht einst ein kuscheliges Nest gewesen ist, hat sich zu einem reinen Touristenspektakel entwickelt. Der Ort scheint nahezu überflutet zu sein von Menschen, die wohl auf einen einsamen Strand hofften. Die Restaurants werben auf riesigen Schildern mit teuren Bierpreisen und Essen, das groß auf Bildern dargestellt wird. Der Campingplatz ist super-fancy, die verlangten 30 Dollar die Nacht lassen fast unsere Kinnladen herunterfallen. Moe und ich sind uns einig: schnell weg hier! Wir fahren ein Stück zurück in den nächsten Ort, in den eine schlottrige Piste führt. Moe lacht und sagt: „Ich glaub‘, Schotter ist ein gutes Zeichen“. Und Recht hat er, denn hier ist es wie ausgestorben. Der Campingplatz viel günstiger und fast leer, der Strand ebenso verlassener.

Mondscheinfahrt

Auf dem Weg zurück nach Montevideo machen wir einen Stopp in La Paloma. Hier setzen wir uns ins Restaurant und essen Chivitos, ein Nationalgericht Uruguays. Chivitos bestehen aus einer dünnen Scheibe Rindfleisch, die zusammen mit Schinken, Eiern, Mozzarella, Tomaten, Oliven und Mayonnaise in weiches Weißbrot eingepackt und – ähnlich wie ein Burger – mit Pommes serviert wird. Hervorragend, diese Teile! Um das Budget zu schonen (und weil wir es auch sehr gerne mögen), kochen wir sonst immer selbst. Jedoch möchten wir die lokale Küche zumindest ein wenig kennenlernen und wollen daher in Ländern, in denen Restaurants eine kostspielige Angelegenheit sind, trotzdem ein Ma(h)l essen gehen.

Wir haben beim Essen getrödelt und die Sonne geht bereits unter, als wir wieder auf‘s Mopped springen. Keine Ahnung, wo wir heute Nacht schlafen sollen. Es ist ja ohnehin nicht so leicht, einen guten Platz zum Wildcampen zu finden, doch im Dunkeln – eieiei… Da es nicht mehr allzu weit ist, zu dem ungestörten Platz am Strand zu kommen, an dem wir bereits zwei Tage vorher ruhig geschlafen haben, entschließen wir uns, diesen wieder anzusteuern. Zum Glück ist heute Vollmond, was uns die verlassene Straße ein wenig besser erkennen lässt. Am Strand angekommen, fällt es uns trotzdem schwer, den kleinen Feldweg wiederzufinden, der uns an die Dünen führt. Bestimmt eine halbe Stunde fahren wir rauf und runter, bis wir schließlich die kleine Einfahrt finden. Am Stand werden wir glücklicherweise damit belohnt, dass wir nun völlig allein sind. Wir schlagen unser Lager auf und gehen nackt unter dem Licht des Vollmondes im Meer baden.

Auf dem Hof

Am nächsten Tag wollen wir es zurück nach Montevideo schaffen. Vielleicht können wir ja von dort aus die Fähre nach Buenos Aires nehmen. Auf dem Weg dorthin fahren wir erneut an Punte del Este vorbei. Wir wollen Ignacio besuchen. Er ist jedoch zu beschäftigt, um sich mehr als zwei Minuten für ein Gespräch mit uns zu nehmen. Nachdem wir vergeblich über eine halbe Stunde in der brühenden Hitze auf ihn warten, fahren wir etwas enttäuscht weiter. Wir hatten auf mehr Austausch gehofft.

Dafür werden wir in Montevideo wieder sehr positiv überrascht. Über die App „iOverlander“, in die Individualreisende ihre Übernachtungsorte mitsamt Empfehlungen eintragen können, stoßen wir auf den Bio-Bauernhof von Matthias und seiner Familie. Dies ist ein Ort, der uns von Anfang an sehr gut gefällt. Wir stellen unser Zelt im Garten auf, umgeben von wohlgenährten Hunden und Katzen, die man sonst im Straßenbild eher selten erblickt. Danach haben wir etwas Zeit, um uns auf dem Hof umzuschauen. Wahnsinn, wie viel verschiedenes Gemüse und Früchte hier angebaut werden. Inmitten des doch eher heruntergekommeneren Gebiets vor den Toren Montevideos scheint dieser Ort wie eine kleine Oase. Im Gespräch mit dem Vater von Matthias erfahren wir, dass er dieses Land schon vor 45 Jahren erworben und zur heutigen Farm in 30 Jahren mühevoller Arbeit umgewandelt hat. Schnell sind wir uns einig, dass wir noch einen zusätzlichen Tag hier verweilen möchten. Für das Abendessen können wir hervorragende frische Eier, Obst und Gemüse direkt vom Hof kaufen.

Land mit Palmen

Eine Schüssel voller Obst und Gemüse

Obst und Gemüse von dem Hof schmecken unheimlich lecker

Ein alter Mann auf dem Feld

Auch der Großvater arbeitet noch tatkräftig mit

Ein Hund liegt im Gras

Die Tiere fühlen sich hier wohl

Ein Oldtimer

Am nächsten Tag wird es noch besser, als plötzlich Dora und Fritz um die Ecke kommen. Die beiden Schweizer haben mit uns zusammen den Atlantik überquert. Wir verbringen einen schönen Abend miteinander und hoffen, dass wir uns von den beiden nicht zum letzten Mal verabschieden müssen.