von | 05. Mrz 2020 | 3 Kommentare

Ein bisschen Frieden, ein Unfall und ein Abschied

Bevor wir zum kleinen Drama kommen, fangen wir mit etwas Schönem an: Wir haben SIE gefunden, obwohl wir sie schon verloren geglaubt hatten: Ruhe.

Angetroffen haben wir sie dort, wo man sie normalerweise auch erwartet: Ganz weit draußen auf’m Land, dort, wo sich die Kolibris in Kolumbien “Gute Nacht” sagen.

Wir folgen der Empfehlung von zwei Freunden und finden einen unserer liebsten Flecken in Kolumbien: ein zauberhaftes Plätzchen außerhalb von Barichara.

Schon die Anfahrt zum Campingplatz ist toll
Wir lieben es, die Motorräder und das Zelt vor einer tollen Aussicht aufzustellen

Hier ist es nachts mucksmäuschenstill. Keine Musik, keine rufenden Menschen, keine lauten Tiere – gar nichts. Einfach nur Totenstille. Herrlich. Und abgesehen von der schönen Stille, treffen wir zudem superliebe Reisende hier, mit denen wir uns austauschen können. Da passiert es schnell, dass eine Woche wie im Flug vorbeizieht!

Noch mehr Lieblingsorte

Barichara ist nur einer dieser tollen Plätze zwischen den sattgrünen Bergen nördlich von Bogotá. Gemütlich zwischen den schnuckeligen Dörfern über Land zu fahren, das ist wirklich eines der schönsten Dinge, die man in Kolumbien so tun kann.

Die Felsen von Suesca gelten als Geburtsstätte des kolumbianischen Kletterns und bieten über 400 Routen
Wir schlendern einen ganzen Morgen entlang der Bahnschienen in Traumkulisse
In Zipaquirá besuchen eine Kirche im ehemaligen Salzbergwerk, von den Bergarbeitern selbst erbaut – ein abgefahrenes Teil
Auf der Karte suchen wir uns dünne Linien raus und lassen uns überraschen
Villa de Leyva ist zwar auch unten schick, gefällt uns aber am besten von oben
Wir mieten uns unmotorisiere Zweiräder und erkunden die Umgebung: eine Oase in der Halbwüste
Liebesbekundungen für Genau-Hinseher
Ein kaltes Club (das beste Bier Kolumbiens) in natürlichen Pools mit 5-Sterne-Aussicht
Wie lange es hier wohl noch leer sein wird? Der Zugang wird gerade für den Tourismus ausgebaut

Das Leben ist mal wieder ausgesprochen gut und herrlich undramatisch. Bis wir uns entscheiden, weiterzufahren und im Chicamocha Canyon die Straße nach Zapatoca nehmen.

Glück im Unglück

“Jetzt geht’s los!” denke ich, während ich die engen Serpentinen in’s Tal herunter schaue. Die Aussicht über die Berge im Canyon ist spektakulär.

Ich fahre vorneweg, als ich nach der ersten Kurve ein “fuck, fuck, fuck” über das Sena von Moe höre. Sofort ist mir klar, dass etwas Schlimmes passiert ist.

“Was ist los?”
“Ich bin in die Seite gekracht.”

Ich drehe um und sehe Moe in der Kurve – zu meinem Schock in der Leitplanke der Gegenfahrbahn. Mich beruhigt ein wenig, dass er bereits auf beiden Beinen ist. Auch der Tiger steht schon wieder. Ein anderer Motorradfahrer hat sofort angehalten und geholfen.

Ein Hund am Straßenrand hatte Moe verunsichert. Das starke Bremsen in der Kurve führte schließlich zum Kontollverlust.

Wir bringen die Moppeds zunächst an eine sichere Stelle (der Tiger läuft zum Glück noch), dann schauen wir uns Moes Verletzung genauer an. Die Hose ist gerissen und das Bein an einer Stelle aufgeplatzt.

Was nun?

Zurück zur nächstgrößeren Stadt und einem Krankenhaus sind es 25 Kilometer, teilweise über einen etwas sandigen Erdweg.

“Schaffst du das?”
Moe ist sich nicht sicher: “Wenn ich nicht schalten oder anhalten muss, wird es schon gehen. Muss ja.”

Moe wirft ‘ne Schmerztablette ein und dann geht es im ersten Gang zurück. Im Krankenhaus angekommen, wundern wir uns erstmal darüber, wieso sie am Anmeldeschalter die Motorradversicherung, Fahrzeugschein und den Unfallverlauf geschildert haben möchten.

Dann geht alles recht schnell. Vor dem Röntgen schaut sich die Ärztin kurz das Bein im Untersuchungsraum an: “Ich glaube, das ist gebrochen.”

Noch machen wir unsere Scherze und fragen, ob es wohl auch einen offroadtauglichen Rollstuhl gibt, den wir hinten an’s Mopped binden können. Dabei sind wir uns natürlich im Klaren, dass ein gebrochenes Bein einen großen Rückschlag für die weitere Reise bedeuten würde.

In knapp drei Wochen beginnt unsere Überfahrt nach Kuba. Wie bekommen wir beide Moppeds auf’s Schiff in Cartagena und was machen wir dann auf Kuba? Während wir auf die Ergebnisse vom Röntgen warten, schießen unangenehme Gedanken durch den Kopf.

Doch schließlich erhalten wir die Nachricht, dass es kein Bruch ist. Das Bein wird genäht und Moe soll in ein paar Tagen wieder fit sein. Was für ein Glück!

Wir wissen, dass diese Geschichte auch ganz anders hätte ausgehen können… Und nicht nur das: zu unserer Überraschung übernimmt die kolumbianische Moppedversicherung, die wir nach dem Grenzübertritt abgeschlossen hatten, auch alle Krankenhaus- und Arzneimittelkosten.

Ein Land namens Locombia

Ich muss zugeben, dass ich bei Moes Hilferuf auf der Straße sofort an den Fehler eines anderen Verkehrsteilnehmers dachte. Haben wir doch so viele verrückt-skurrile Situationen auf der Straße, bei denen ich nur fassungslos den Kopf schütteln kann. Ich glaube, es gibt wirklich nichts, was man auf den Straßen Kolumbiens nicht sieht.

Unsere beiden Raubkatzen in freier Laufbahn

Von den täglichen Hinguckern hat sich vor allem der Typ auf dem Mopped bei mir eingeprägt, der – mitten im laufenden Straßenverkehr – direkt vor mir die Beine hochschingt und sich wie Superman auf’s Motorrad legt. Ein Anderer sitzt mit Flip Flops vorne auf seinem Tank. Das sind so Dinger, da muss ich in meinen Helm kichern.

Unlustiges gibt es aber auch. Tierisch ärgere ich mich beispielsweise über den LKW, der es für eine gute Idee hält, direkt hinter einer Kurve nach hinten zu setzen. Der Gegenverkehr zwingt mich zur spektakulärsten Notbremsung aller Zeiten.

Oder dann gibt es noch einen Bus, welcher auf dem zweispurigen Bergpass auf beiden Streifen gleichzeitig fährt. Bei jedem Überholveruch setzt er auf meine Spur rüber und drängt mich derart ab, dass ich nach dem dritten Mal aufgebe.

Ebenso schlimm wie der Kleintransporter vor Moe, der unbedingt in der scharfen Kurve ein Auto überholen muss. Damit lässt er dem entgegenkommenden Motorradfahrer keine andere Wahl, als in die Böschung zu crashen.

Doch nicht nur im Verkehr gibt es diese verrückten Dinger, nein, auch bei den menschlichen Begegnungen. Von liebenswert bis anstrengend haben wir wirklich alles dabei!

Jairo ist einer dieser positiv-Verrückten. Seit drei Jahrzehnten baut er einen ganz besonderen Ort, nur aus recycelten Materialien. Er ist so freundlich, uns in sein Haus einzuladen und uns herumzuführen. Sein Haus ist ein Kunstwerk!
Aber es ist nicht nur sein kleines Schloss – uns gefällt auch, wie er aussieht. Als ich ihn um ein Foto bitte (sowas mache ich nur sehr selten), ist seine Reaktion sehr süß.

Kein Wunder also, dass die Kolumbianer ihr Land gerne auch “Locombia” nennen, was sich aus dem spanischen Wort loco, also verrückt, und Colombia zusammensetzt.

Grenzerfahrung

Neben den alltäglichen Begegnungen in Kolumbien gibt es da allerdings noch eine ganz besondere: die mit Markus aus Venezuela. Richtig, Venezuela – der Staat, der sich schon seit Jahren in der Krise befindet.

Venezuelas jüngste Vergangenheit ist eine traurige Geschichte, die euch bestimmt über die Medien bekannt ist. Eine vom politischen Chaos, dessen Auswirkungen wir schon fast täglich auf unserer Reise durch Südamerika miterleben. Die Venezolaner sieht und trifft man überall. Inflation und Mangel haben nach Schätzungen der Vereinten Nationen bereits ein Fünftel der Menschen aus dem Land getrieben.

So schlimm ist es für Markus noch nicht. Er lebt schon sehr lange in einer Stadt nahe der kolumbianischen Grenze und betreibt gemeinsam mit seiner Frau eine Bäckerei. Markus hatte uns spontan über Facebook geschrieben und auf ein Treffen eingeladen – eine großartige Idee. Da wir momentan nicht nach Venezuela einreisen können, kommt Markus rüber nach Cúcuta, die Hauptgrenze zu Venezuela.

Im Gespräch dreht sich natürlich viel um das alltägliche Leben in Venezuela. Wir haben viele Fragen. “Es ist nicht einfach”, gesteht Markus “aber wir kämpfen weiter.” Wie dieser Kampf aussieht, das können wir nur erahnen. Denn nicht nur Grundnahrungsmittel fehlen, auch Strom und Leitungswasser werden täglich über mehrere Stunden abgestellt.

Trotzdem wollen sie bleiben: “Wir haben zu viel zu verlieren, um einfach zu gehen”. Es ist in gewisser Weise noch ein Glück, dass sie nahe der kolumbianischen Grenze leben. Hier können sie regelmäßig rüberkommen, um sich mit den wichtigsten Dingen einzudecken. Zudem muss man die richtigen Leute in der Umgebung kennen, wie uns Markus verrät. “Wenn wir lange genug ausharren, dann werden wir später ein richtig gutes Leben haben.”

Lieber Markus, wir wünschen euch alles Gute für die Zukunft, auf dass ihr nicht die Hoffnung verliert und eines Tages das Paradies vor der Haustür habt.

Schöner Abschluss

Pünktlich zu Weihnachten erreichen wir das karibische Meer
Hier verbringen wir die Weihnachtstage zusammen mit Georg, der uns aus dem Norden entgegenkommt.
An Silvestester geht es dann rüber in’s heiße Cartagena, wo wir zum Jahresend-Grillen verabredet haben. Dem Ausblick vom Camping sieht man die Affenhitze gar nicht an.
Dem Moe aber schon! Links seht ihr den lieben Sven. Sein “Busle” aka Mr. Turtle hat auch schon viel von der Welt gesehen
Es gibt auch einen Besuch in der Kolonialstadt – das schönste Motiv sind jedoch die Tiere im Stadtpark
Einfach mal abhängen!
Nachwuchs gibt’s sogar auch

Auf Wiedersehen, Südamerika!

Und nun ist es vollbracht, nach knapp zwei Jahren. Wir haben diesen Kontinent von Süd nach Nord durchquert, sind hin und her, im Kreis und wieder zurück gefahren. Was für eine Zeit, Südamerika!

Wenig wussten wir von dem, was uns erwartet. Wie vielfältig und wunderschön du doch bist. Du bist gewaltig und hast uns gezeigt, was Einsamkeit und Weite ist.

Was haben wir gestaunt. Über deine Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Über das Vertrauen, das du uns geschenkt hast. Deine Offenheit und Wärme.

Du hast uns durch Sandstürme, über Vulkane, an einsame Strände, in den Dschungel, zu brennender Hitze und über eiskalte Pässe geführt.

Oh, und was haben wir über dich geflucht. Über deinen halsbrecherischen Verkehr, über Schwindeleien oder darüber, dass du uns über’s Ohr hauen wolltest. Über dein “no hay” und über dein “mañana”.

So viel haben wir von dir gelernt. Haben versucht, dich zu verstehen. Und sind zuzeiten doch gescheitert. Denn du bist nicht zu zähmen. Unruhig und laut. Und manchmal eben auch unbegreiflich.

Eines ist sicher: eines Tages werden wir wiederkehren. Um mehr von deinem Zauber aufzusaugen und noch mehr Antworten zu bekommen. Doch nun ist es an der Zeit, mit randvoll gefüllten Köpfen weiterzuziehen und uns anderswo zu wundern.

Falls du uns für die 234567 Stunden Arbeit etwas zugutekommen lassen möchtest, weil du Freude an unseren Geschichten hast: Du kannst uns ein Brötchen spendieren, wenn du magst (Wird garantiert nicht für Brötchen, sondern für Bier ausgegeben).

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3 Kommentare

  1. Marco

    Ein schöner Artikel mit super Fotos. Da kommt schon etwas neid auf.

    Antworten
    • Nicki

      Dankeschön! Ist aber auch nicht immer angenehm: Auf ein festes Zuhause bin ich angesichts der Situation gerade ganz schon “neidisch”.

      Antworten
  2. LutzB

    Mein Plan war es im Frühsommer mit dem Motorrad eine mehrwöchige Tour durch Asien zu machen. Das ist jetzt leider hinfällig. Also vertreibe ich mir die Zeit mit Berichten anderer . Deine Touren gefallen mir. Da ist einiges dabei, was ich auch noch sehen möchte

    Antworten

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