von | 18. Mai 2021 | 11 Kommentare

Ein Ende mit ganz schön vielen Schrecken

Als allererstes: Danke an euch! Für die vielen lieben Nachrichten, euer Verständnis, die aufmunternden Worte und die Unterstützung. Wir haben uns sehr darüber gefreut!

Leider kann ich heute keine heiteren Geschichten erzählen – uns dreien ist es in den letzten Wochen nämlich nicht besonders gut ergangen. Doch bevor wir dazu kommen, fange ich dort an, wo ich den letzten Artikel geschrieben habe: auf einer ganz besonderen Farm im Norden der wunderschönen Baja California.

Dünen, Seegurken und das Leben danach

Genau 15 Minuten sind es von unserer Haustür bis zum Strand. Man läuft quer über ein einsames Feld, um zu den Dünen zu gelangen. Dann kommt ein leerer, breiter Sandstrand. Hier trifft man niemanden, nur den Wind.

Unsere ständigen Begleiter: Teddy und Boruca, die Schäferhündin unseres Vermieters. Mittlerweile schläft sie schon vor unserer Haustür, um nicht zu verpassen, wenn wir losgehen. Dann jagt sie den Kaninchen hinterher, Teddy jagt ihr hinterher und wir schauen hinterher.

Jeden Tag freuen wir uns auf die langen Spaziergänge entlang der Dünen

Einen Monat haben wir uns auf der Seegurkenfarm eingemietet. Hier gibt es richtig viel Ruhe, eine Kaffeemaschine, ein paar Kuscheldecken und die weltbesten Spaziergänge. Ein perfektes Setting, um über unser zukünftiges Leben nachzudenken.

Wir mussten loslassen vom Traum der Weltreise. Die Phasen der Trauer – wir haben sie alle durch: Von der anfänglichen Verdrängung, über die Wut und dem vergeblichen Versuch, zu verhandeln. Danach die Verzweiflung. Die musste es wohl geben, damit wir bei ihr angelangen: der Akzeptanz. Wir kehren nach Deutschland zurück und das ist okay. Endlich.

Noch wissen wir nicht, wo wir in Deutschland leben und arbeiten werden. Vor unserer Reise haben wir alle Zelte abgebrochen und werden quasi bei Null starten. Mitten in einer Pandemie. Was für eine Herausforderung!

Vom Leben als Nomaden in den deutschen Alltag: ein Abenteuer für sich!

Wie kommen wir über den Atlantik?

Doch eins nach dem anderen. Zuerst müssen wir uns und die Tiger nach Deutschland bringen. So richtig sagt uns keine der bestehenden Optionen zu. Bis DIE Lösung kommt: wir können die Moppeds mit der Stahlratte von Bremen über den Atlantik schicken.

Das alte Segelschiff hat uns schon über die stürmische karibische See gebracht. Die anstehende Atlantiküberfahrt ist dem traurigen Umstand geschuldet, dass die Stahlratte an einen neuen Besitzer in Europa verkauft wird. Nachdem sie über Jahrzehnte Motorradreisende aus der ganzen Welt über die Darien Gap gebracht hat.

Unglaubliches Glück, dass wir die letzte Kolumbien-Kuba-Mexiko-Tour auf dem legendären Schiff noch miterleben durften. Und nun vielleicht auch noch das letzte große Abenteuer? Klingt phantastisch!

Es wäre so schön und ein gutes Ende gewesen, wenn die Ratte nicht nach Spanien segeln würde. Mit den ständig wechselnden Pandemie-Regeln und einem alten Tiger, der schon lange keinen TÜV mehr hat, können wir aber kaum durch Europa fahren.

Also entscheiden wir uns für eine RoRo-Verschiffung von Veracruz nach Bremerhaven. Sobald die Tiger auf dem Deck stehen, werden wir mit Teddy schon mal vorfliegen. Vom Timing so, dass wir zum Sommer zurück in Deutschland sind.

Weggeföhnt und ausgetigert

Wir verlassen Boruca und die Seegurken, um uns auf die letzte Etappe unserer Reise zu begeben: Einmal die Baja runter und wieder quer durch Mexiko zur Hafenstadt Veracruz. Eigentlich wollen wir das alles nur noch so entspannt wie möglich hinter uns bringen. Doch leider weicht uns ab diesem Zeitpunkt das Unglück nicht mehr von der Seite.

Schon am ersten Fahrtag auf der Baja beginnt Moes Tiger damit, sich wie ein ein alter Traktor anzuhören. Toller Start! Wir hatten mit dem Gedanken gespielt, noch einen Abstecher in den Copper Canyon zu wagen. Nun müssen wir auf direktem Weg zur Werkstatt auf dem Festland fahren. Ein Service ist längst überfällig.

Genießen wir eben noch die Baja – wir sind schließlich zur perfekten Jahreszeit hier. Naja, so dachten wir zumindest. Anscheinend haben wir großes Pech mit dem Wetter. Tagsüber ist es unerträglich heiß und nachts frieren wir schrecklich. Obwohl wir drei uns mit allen Klamottenschichten in die Schlafsäcke einmummeln, wollen uns die verklumpten Daunen nicht mehr warmhalten. Dazu herrscht dauerhaft ein derart heftiger Wind, dass es wirklich keinen Spaß mehr macht.

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Als ich einen Notstopp einlege, um das Zelt besser zu befestigen, kommt eine besonders starke Windböe. Schon liegt der Tiger auf der Seite und das Windschild zerbricht. Ein LKW-Fahrer, der die Szene beobachtet hat hält sofort und besteht darauf, das Motorrad für mich aufzuheben.

Während der Fahrt sind die nahezu patagonischen Windstärken vor allem für Teddy eine Herausforderung. Im offenen Tankrucksack ist er dem Wind zu stark ausgesetzt. Wir hoffen, dass wir ihm bald eine bessere Rückzugsmöglichkeit bieten können und entschließen uns, die schöne Baja auf schnellsten Weg zu verlassen. Es ist besser, wenn wir die Motorräder in die Werkstatt bringen und entspanntere Umstände auf dem Festland suchen.

Der Bär im offenen Tankrucksack: eine Lösung, die nur bei guten Wetter funktioniert (Foto: Paola Chavira Leyva)

Die fehlenden Kilometer bis zur empfohlenen Werkstatt nach Guadalajara sind auf jeden Fall unentspannt. Der Zustand des Tigers verschlimmert sich so sehr, dass Moe jedes Mal der Motor absäuft, wenn er die Kupplung zieht. Besonders lustig, wenn man durch den chaotischen Großstadt-Verkehr fährt.

Es ist eine große Erleichterung, als wir schließlich die Bikes in der Werkstatt abgeben. Gott sei Dank, wir haben es geschafft! Ernüchterung tritt auf, als wir erfahren, dass wir auf benötigte Ersatzteile wie Luftfilter, Dichtungen und Lenkkopflager mindestens vier Wochen warten müssten: für uns keine Option. Die Motorräder werden trotzdem durch den Service geschickt und laufen zunächst besser als zuvor.

Der Frust kommt ein paar Tage später, als wir auf unserer Weiterfahrt wieder mit Problemen zu kämpfen haben, um die sich die Werkstatt dann wohl doch nicht richtig gekümmert hat. Uff!

Das Team, das mich immer aufmuntert – egal, wie doof alles gerade ist!

Hauptsache gesund

Das ist zwar alles deprimierend, doch das Wichtigste ist die Gesundheit. So lange es uns gut geht, wollen wir uns nicht beschweren.

Es ist also schon fast ironisch, als ich kurz darauf von einem Speiseeis krank werde und mit einer Lebensmittelvergiftung kämpfe. Ein paar Tage später hat auch Moe etwas falsches gegessen und kommt nicht mehr von der Toilette.

Immerhin haben wir gerade ein Zimmer mit eigenem Bad bezogen. In den folgenden Tagen haben wir jedoch ein paar längere Etappen auf den Tigern vor uns. Wenn das mal gut geht.

Schmiergeld? Nein, danke!

Doch was für ein Problem ist denn schon ein fehlendes stilles Örtchen im Vergleich zur stundenlangen Auseinandersetzung mit korrupter Polizei: genau, gar keins! Das wissen wir dann auch, als wir uns genau in so einer Situation wiederfinden. Wir hatten gehofft, dass uns diese unangenehme Erfahrung in Mexiko erspart bleiben würde. Doch so einfach, wie bei vergangenen Begegnungen mit dem „Freund und Helfer” kommen wir dieses Mal nicht weg.

Die beiden Polizisten haben uns auserkoren, um mal so richtig Stimmung zu machen. Dafür drohen sie uns mit dem gesamten Repertoire, vom Abschleppen bis zur Beschlagnahmung meines Tigers. Wir tun so, als würden wir sehr viel weniger Spanisch als tatsächlich verstehen und versuchen, uns gelassen zu geben. “Bezahlt einfach die Strafe und ihr dürft sofort weiterfahren”, zeigt mir der Polizist mehrmals auf seiner Übersetzungsapp. Ja, das würde euch so passen.

Wir haben uns geschworen, niemals Schmiergeld zu bezahlen. Auch, wenn es nervig ist: wir können und wollen demgegenüber nicht gleichgültig sein und ein System unterstützen, unter dem alle leiden. Nur, weil wir ungeduldig sind.

Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, doch letztendlich werden wir für unsere Beständigkeit belohnt und erkämpfen uns den Sieg in diesem abgekarteten Spiel.

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Nachdem wir den Polizisten nach langen Diskussionen endlich auf’s Revier folgen dürfen, schneiden wir ein paar Szenen wir mit.

Und das war noch nicht mal alles: noch am gleichen Abend stehen wir vor verschlossen Toren. Der Gastgeber unserer Unterkunft ist plötzlich nicht mehr erreichbar. Erschöpft sitzen wir auf der Straße, während die Sonne untergeht. Was kann jetzt bitte noch kommen?

Auf den Kleinsten

Nachdem wir uns Unterschlupf in der nächsten Absteige suchen mussten, folgt der absolute Tiefpunkt direkt am folgenden Morgen: Als wir beim Gassigehen an der offenen Tür einer Wäscherei vorbeigehen, kommt plötzlich ein Pitbull aus dem Hinterhalt gerannt.

So schnell und so unvorhergesehen, dass Moe und ich keine Chance haben, rechtzeitig einzuschreiten. Zack – schon hat er sich Teddys Hinterteil geschnappt und beißt kräftig zu. Ich realisiere die Situation erst, als Teddy um sein Leben schreit und stürme ohne Nachzudenken auf den Pitbull zu. Der lässt glücklicherweise bald von Teddy ab – sonst hätte das auch ganz anders ausgehen können.

Während Moe den geschockten Teddy auf dem Arm nach Hause trägt, kommt der Besitzer des Pitbulls langsam aus seinem Geschäft getrottet. „Du musst besser auf deinen Hund aufpassen”, rufe ich ihm fassungslos zu – woraufhin er den armen Teufel mit einer Stange schlägt. Wen wundert’s, dass dieser Hund aggressiv ist?!

Die nächsten Tage sind die allerschlimmsten: Teddy leidet und wir mit ihm. Dass es nun ausgerechnet den Kleinen so hart treffen musste, bringt mich zur absoluten Verzweiflung.

Der arme Teddy ist wie ausgewechselt. Wir wollen unseren glücklichen Hund zurück!

Die Zeit ist reif

Ich weiß nicht, was uns das Universum mit all dem mitteilen möchte. Ich weiß nur, dass es höchste Zeit ist, Mexiko zu verlassen.

Nach einigen Tagen wird die Stimmung mit Teddys Genesung etwas besser. Trotzdem: das hätte doch alles echt nicht mehr sein müssen! Nur noch einen Fahrtag sind wir jetzt von Veracruz entfernt, dann können wir die Verschiffung der Tiger angehen. Wir sind schon gespannt, was dabei noch alles schiefgehen wird…

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11 Kommentare

  1. Susanne Spies-Löser

    Ich wünsche Euch und Teddy ein gute Heimreise und einen guten Start in die neue Zukunft 🙂

    Antworten
    • Nicki

      Dankeschön!

      Antworten
  2. Tom

    Au weia, wir kennen das zu gut. Wenn Du einmal das Pech am Bein hast, lässt es dich nicht mehr los. Wir drücken Euch und dem süßen Kleinen alle Daumen. Ihr schafft das !!! Wir denken an Euch.

    Eure
    Bike Voyagers Andrea & Tom

    Antworten
    • Nicki

      Danke, ihr Lieben. Seit ihr denn noch in Deutschland? LG

      Antworten
  3. Rainer

    hallo Ihr beiden, gerade eben habe ich zufällig Eure Webseite entdeckt und bin durch Euch wieder voll motiviert selber eine lange Reise zu machen. Na ja 3 Jahre werden es wohl nicht werden 🙂
    Zur Zeit der Pandemie ist es bestimmt nicht einfach zu reisen und wenn Ihr nun zurück nach Deutschland kommt ist hier auch nicht gerade der beste Startpunkt um vielleicht eine Vortragsreihe vor interessierten Publikum abzuhalten. Leider habe ich bis auf Euren letzten Eintrag noch nichts von Euren Plänen lesen können aber ein guter Start in Deutschland wäre doch eigentlich nach der Pandemie, wenn ihr vielleicht Vorträge über Eure Reise halten würdet?
    Ich bin auf jeden Fall erstmal froh Eure Berichte in der nächsten Zeit lesen zu können 🙂
    wünsche Euch erstmal aus Hamburg eine gute Zeit –
    Rainer

    Antworten
    • Nicki

      Hallo Rainer, schön, dass du uns entdeckt hast und wir ein bisschen Fernweh wecken konnten 😀 Wir sind nun zurück in Deutschland und warten hier ab, dass sich die Lage verbessert und die Tiger aus Mexiko ankommen. Grundsätzlich sind wir aber ziemlich zuversichtlich, dass wir bald ein paar Vorträge in kleinerem Rahmen halten können. Bis dahin werden wir wahrscheinlich noch gut mit dem Sortieren der drölftausend Bilder, Videos und Geschichten beschäftigt sein 🙂 Viele Grüße nach Hamburg

      Antworten
  4. Eberhard

    Hallo Ihr drei, hoffentlich hat sich Teddy zwischenzeitlich erholt und es geht ihm gut. Ebenso hoffe ich, dass sich die Tiger wohlbehalten in eueren Händen befinden.
    Wünsche euch einen guten Start in Deutschland und hoffe euch auf einer Vortragsreihe mal anzutreffen.
    Beste Grüße Eberhard
    PS. Bin mit meinem Nexx Klapphelm sehr zufrieden.

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    • Nicki

      Hallöchen, wir sind alle – mehr oder weniger – wohlauf und auch die Tiger sind mittlerweile hier angekommen. Wir hoffen auch, dass man sich mal persönlich trifft. Vielleicht ja auf dem MRT in Gieboldehausen? Liebe Grüße

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  5. Anna Long

    Hallo Nicki und Moe,
    Schön dass ihr wieder in Deutschland angekommen seid.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr für einen Vortrag wieder nach Marburg kommt.
    Viel Glück bei eurem Neustart und ganz viele Grüße.
    Anna

    Antworten
    • Nicki

      Hallo Anna, was für eine schöne Überraschung! Ich hoffe, dir geht es gut! Wir werden auf jeden Fall auch mal nach Marburg kommen, sobald wir die Zeit finden. Mal schauen, ob es auch dort einen Vortrag geben wird – so weit haben wir momentan noch nicht geplant. Ich melde mich bei dir, wenn ich mehr weiß und würde mich sehr freuen, dich wiederzusehen! Gerne auch füe eine Tasse Kaffee oder Tee 😉

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      • Anna

        Hallo Nikki, mir geht’s gut und ich freue mich auf meinen Urlaub in ein paar Tagen.
        Kaffee und oder Tee trinken finde ich super.
        Meine Handy Nummer ist immer noch die selbe, falls du die nicht mehr hast, kannst du ja bei deiner alten Arbeit nachfragen oder mir ne Mail schicken. Ich habe deine leider nicht mehr, aber ich freue mich riesig dich wieder zu sehen. Ganz liebe Grüße

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