Irgendwie ist jetzt alles anders. Wir sind endlich wieder auf der Straße, verbringen die Nächte im Zelt und sind durchgängig an der frischen Luft. Eigentlich ist alles genau wie vorher, doch es hat sich etwas Grundlegendes geändert: Das Gefühl. Die unfreiwillig lange Pause in Santiago de Chile hat uns gut getan. Wir sind so dankbar, endlich wieder auf das Motorrad steigen zu können, dass wir es noch intensiver wahrnehmen und in vollen Zügen genießen. Jetzt läuft alles wie von selbst, locker und unkompliziert.

Der Weg ist das Ziel

Wir haben sogar mal einen Plan: Wieder rüber nach Argentinien, um mehr oder weniger der berühmten Ruta 40 bis nach Salta, der größten Stadt des Nordens zu folgen. Rund um Salta gibt es wahnsinnig tolle Landschaften, die wir uns nicht entgehen lassen wollen. Aber auch die Stadt selbst ist für uns interessant, weil wir hier die Möglichkeit haben, über eine lokale Organisation ein kleines Fotoprojekt mit Kindern zu starten. Doch bis wir in Salta sind, nehmen wir uns erstmal viiiiiiel Zeit, um das Reisen mit dem Motorrad mal wieder richtig auszukosten.

Kurz hinter der Grenze finden wir einen perfekten Übernachtungsplatz in den Bergen

Neugieriger Besuch am Mopped

Nach dem längeren Aufenthalt in Chile gefällt uns Argentinien umso besser. Die Menschen, denen wir begegnen, gehen hier sehr offen und neugierig auf uns zu. Das Essen ist hervorragend und die Campingkultur gefällt uns auch. Das riesige Argentinien hat einfach mehr Charme.

Auch, wenn uns Patagonien schon von den Socken gehauen hat: Der Nordosten Argentiniens ist etwas ganz Besonderes. Wir sind so fasziniert von den atemberaubenden Felsformationen, den Farben und Formen, dass wir aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Die Quebrada de las Conchas besticht durch ihre rote Farbe

Nach den eher ungemütlichen Tagen in Santiago spielt das Wetter auf der argentinischen Seite auch wieder mit

Auf der Ruta 40 bekommt man ein neues Gefühl für Weite

Genug Zeit, für ein paar Bildaufnahmen mit unserem Stativ

Wahnsinn, was für epische Landschaften auf unserem Weg liegen

Ich erprobe mich auch mal offroad

Besuch bei Utopia

Als wir unserem Freund Andres aus Chile erzählen, wo wir uns gerade so herumtreiben, gibt er uns einen Tipp: “Schaut doch mal bei Martina vorbei.” Die deutsche Aussteigerin hat sich zusammen mit ihrem Mann Johan einen Hektar Land in Argentinien gekauft. Fernab der Stadt, mit einer grandiosen Aussicht auf die Berge und dem schönsten Sternenhimmel, lässt es sich auf der Durchreise so richtig bei ihnen entspannen. Denn Strom oder Internet gibt es beim “Utopia Overland Camping”, wie Martina und Johan liebevoll ihren Übernachtungsplatz für Individual-Reisende getauft haben, nicht. Die Toilette ist nicht mehr als ein einfaches Loch im Boden und das Wasser für die Outdoor-Dusche wird über ein Solarpanel erhitzt. Die kleine Hütte aus Lehm, in der Martina und Johan schlafen, haben sie Stück für Stück selbst gebaut. Genauso, wie die charmante Outdoorküche und den riesigen Lehmofen. Sie haben vor noch nicht allzu langer Zeit begonnen, sich ihr Stückchen vom Paradies zu bauen.

Das kleine Hütte ist das “Testhaus” für ein größeres Heim aus Lehm (Bild von Martina)

Bevor sich Martina mit Johan hier niedergelassen hat, war auch sie eine Langezeitreisende. Über viele, viele Jahre ist sie mit ihrem Motorrad und später dann mit Geländewagen und Hund um die Welt gefahren. Jetzt lädt sie die Welt zu sich nach Hause ein.

Fast gleichzeitig mit uns sind auch noch Paula und Fede mit ihrem lustigen Hund hier als Gäste angekommen. Die beiden Argentinier haben sich zwei Fahrräder auf ihren ausgebauten Mini-Van gepackt und wollen auch weiter in den Norden Amerikas fahren. Ihr Hund namens Grunon (auf deutsch: Griesgram) scheint nicht müde zu werden, seinen Bumerang anzuschleppen, damit wir ihn wieder in die Ferne werfen. Und dann ist da noch Caroline. Als geborene Südafrikanerin hat sie im mittleren Alter noch ein Kunststudium nebenher angefangen, um schließlich ihre erwachsenen Kinder um Erlaubnis zu fragen, ob sie noch einmal einen Neustart als Kunstlehrerin im Vereinigten Königreich wagen darf. Einige Jahre später landete sie dann als Lehrerin in Südostasien. Sie erzählt mir, dass sie enttäuscht war, als sie in Rente gehen musste, denn sie hatte keine Lust, von dort an ein langweiliges Dasein auf der Couch zu führen. Dann hat sie sich kurzerhand entschlosssen, Südamerika alleine zu bereisen. Da sie nur eine bescheidene Rente hat, macht sie jetzt eben Workaway. Das bedeutet, dass sie anderen Menschen ihre Arbeitskraft für Kost und Logis anbietet. Für Martina legt sie gerade einen selbst gestalteten Boden aus Mosaik im kleinen Haus. Während sie mir ihre Geschichte erzählt, spüre ich die unglaubliche Energie und den Enthusiasmus von Caroline. “Ich bin einfach nie erwachsen geworden”, erzählt sie mir mit einem Glänzen in den Augen. Chaupeau!

Wir backen gemeinsam superleckere Pizzen in Martinas Lehmofen (Bild von Martina)

Es ist doch immer wieder schön, unter Gleichgesinnten zu sein (Bild von Martina)

Über den Wolken

Auf der letzten Tagesetappe nach Salta gibt es für uns dann noch eine ganz besondere Überraschung. Nach einer Fahrt querfeldein durch den verlassenen Kakteen-Nationalpark Los Cardones gelangen wir zur Spitze des Pass Cuesta del Obispo. Hier befinden wir uns im wahrsten Sinne des Wortes über den Wolken.

Eine Aussicht der anderen Art

Als wir bei strahlendem Sonnenschein vom Gipfel den Pass runter und voll rein in die Wolkendecke fahren, befinden wir uns mit einem Schlag mitten im “Winter Wonderland”. Überall hängt dicker Frost in den Sträuchern und es wird innerhalb von wenigen Minuten bitterkalt. Stellenweise können wir nur bis zu fünf Meter weit sehen. Den ganzen Tag waren wir einsam unterwegs, doch der Pass ist anscheinend ein beliebtes Touristenziel. Zahlreiche Kleinbusse fahren uns auf der schlechten Schotterpiste gefährlich nahe auf. Da kommt man trotz der Minusgrade doch noch echt ins Schwitzen…

In Salta angekommen

In Salta angekommen, heißt es für uns erstmal warten. Bis wir mit unserem Foto-Projekt starten können, dauert es wohl noch. Das ist kein Problem, hier ticken die Uhren eben ein bisschen anders. Wir konnten ja auch nicht im Vorhinein genau sagen, wann wir in Salta ankommen würden. Uns ist einfach nur wichtig, dass das Projekt gut abläuft, falls es überhaupt zustande kommen sollte.

Abenteuer in der Hochwüste

Na gut, wenn wir uns noch etwas gedulden müssen, bis sich etwas ergibt, dann fahren wir eben noch eine Woche in die unglaublich spektakuläre Hochwüste, die hier Puna genannt wird. Wir wollten die Gegend im Nordosten Saltas sowieso noch erkunden, bevor wir Argentinien verlassen. Und so vielversprechend, wie schon der Weg nach Salta war, kann es nur grandios sein. Und tatsächlich: Auf Höhen bis zu 4200 Metern begegnen wir den schönsten Bergen, riesigen Kakteen, der Weite der Salzwüste und vielen freundlichen Menschen in den kleinen Bergdörfern, die zwischen den abenteuerlichen Straßen der Hochebene liegen.

Howdy!

Campen zwischen Kakteen ist wunderschön, hat aber den Nachteil, dass sich etliche Stacheln in die Reifen verirren…

Die Berge der 14 Farben

Wir sind allein auf den Straßen der Hochwüste unterwegs. Hoffentlich passiert nichts…

Welch großartige Landschaft uns wohl hinter dieser Kurve erwartet?

Eine harmlose der zahlreichen spaßigen Wasserüberquerungen hier oben. Zum Glück sind wir zur Trockenzeit hier, sonst würden wir richtig baden gehen

Tagsüber ist es angenehm warm, doch sobald die Sonne untergeht, wird es auf diesen Höhen ganz schon frostig

Angekommen in einer der drei Salzwüsten Argentiniens

Die Salinas Grandes del Noroeste ist zwar nicht ganz so groß, wie die Salar de Uyuni in Bolivien, aber auch eindrucksvoll

Die trockene, staubige Halbwüste zieht uns mit ihrer überwältigen Schönheit dermaßen in den Bann, dass wir schon darüber nachdenken, ob wir uns nicht eines Tages irgendwo hier niederlassen sollten. Aber so schön es hier auch ist: erstmal muss die Reise weitergehen. Denn es macht süchtig, sich die unzähligen Facetten der Anden mit eigenen Augen anzuschauen.

Und zuletzt: Eine eher unschöne Entdeckung

Gegen Ende der unserer Tour werden wir dann doch noch nervös: Die Temperaturanzeige vom Motor bewegt sich zunehmend in einem gefährlich hohen Bereich. Wir schieben das erstmal auf die hohen Drehzahlen, die wir in den teilweise recht sandigen Abschnitten haben. Ein Blick auf den Kühlwasserausgleichsbehälter verrät, dass wir das Problem einfach lösen können: Es muss neue Flüssigkeit nachgefüllt werden. Das ist so eine Sache, die man ganz einfach vermeiden könnte, wenn man den Stand regelmäßig überprüfen würde. Aber die Motorradwartung gehört ja bekanntlich noch nicht so zu unseren Stärken. Natürlich sind wir jetzt mitten in der Pampa und müssen noch zwei Tage bis zum nächsten Städtchen fahren, aber wir werden es schon schaffen. Ein bisschen stutzig macht es uns jedoch schon, dass wir jetzt dieses Problem haben, denn wir hatten vor nicht allzu langer Zeit die Flüssigkeit erst aufgefüllt.

Drei Mal läuft der Motor so heiß, dass der Temperaturanzeiger in den roten Bereich springt und wir Zwangspausen einlegen müssen. Wir sind froh, als wir endlich wieder in der Zivilisation ankommen und die Flüssigkeit auffüllen können. Geschafft! Doch nur zwei Kilometer später hält Moe schon wieder auf dem Seitenstreifen an. Der Motor ist schon wieder heiß. Während uns zahlreiche Argentinier im Vorbeifahren freundlich zuhupen und einen Daumen-hoch entgegenstrecken, reinigen wir mitten im stressigen Berufsverkehr der Hauptstraße unseren Kühler, so gut es eben geht.

Und es scheint auch erstmal zu helfen. Doch in Salta angekommen, ist dieser blöde Temperaturzeiger schon wieder dort, wo er nicht sein soll. Da wir ja sowieso noch einige Zeit für das Foto-Projekt hier sein werden, können wir uns nun in Ruhe um unser Baby kümmern. Hoffentlich ist es nichts Schlimmes…