Nach unserem Rucksacktrip in den Norden Chiles kehren wir nach Santiago zurück. Bald soll unser Paket aus Deutschland ankommen und wir müssen uns weiter um die Reparaturarbeiten unseres Tigers kümmern.

Wir hatten schon länger die Idee, zu Couchsurfen, um etwas intensiver mit den Chilenen in Kontakt zu kommen. Und da wir eh noch ein paar Tage in Santiago verbringen müssen, ist dies eine gute Gelegenheit.

Bei unserer Suche nach einem geeigneten Host stoßen wir auf das Profil von Hernan, ein Ingenieur, der großes Interesse an Fotografie und Reisen hat. Wir schreiben ihm, er lädt uns herzlich ein und so stehen wir nur kurze Zeit später mit unseren sieben Sachen im Wohnzimmer von Hernan und seinem Mitbewohner Eduardo. Direkt bekommen wir die Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt.

Wie lange wir in dieser Stadt wohl bleiben werden?

Schlechte Nachrichten

Nun haben wir genug Zeit, um uns um unser Sorgenkind zu kümmern, das noch bei Johnny in der Werkstatt steht. Vor unserer Reise in den Norden hatten wir es bei Johnny untergebracht, damit sich die Jungs dort um einige notwendige Wartungsarbeiten kümmern können.

Da wäre zum einen die Reparatur des Gewindes der Ölwanne, das wir direkt am Anfang der Reise durch eigenes Verschulden demoliert haben (die tragische Geschichte gibt es hier noch einmal nachzulesen). Außerdem hat inzwischen unsere Hupe den Geist aufgegeben – ein Hilfsmittel, das auf den südamerikanischen Straßen nahezu überlebenswichtig ist. Den Motorschutz, der sich durch einige eher unangenehme Boden- und Steinkontakte gelockert hat, wurde uns direkt auch noch festmontiert und sogar hübsch zurechtgeflext. Welche eine Hingabe!

Ein neues Kettenkit hatten wir ja schon bereits vor unserer Reise in den Norden bei dem ansässigen Triumph-Händler bestellt. Als wir nach 30 Tagen jedoch nach dem Zwischenstand der Lieferung anfragen, bekommen wir die Hiobsbotschaft, dass sich die Ankunft des Pakets nach hintern verzögert. Wie lange? Das können sie uns nicht sagen…

Als wir Johnny von dieser schlechten Nachricht erzählen, entschließt er sich kurzerhand, nach einer Alternative für uns zu suchen. Er will seine Kontakte nutzen und schauen, ob er unabhängig von Triumph ein passendes Ritzel und eine Kette auftreiben kann. Kein leichtes Unterfangen – denn unser alter Tiger ist wohl der einzige seines Modells in ganz Südamerika, wie Johnny vermutet.
Nun gut. Wir fragen Hernan, ob wir noch eine Weile länger bleiben können. Absolut kein Problem, Hernan ist mega entspannt und sagt, dass wir so lange bleiben können, wie es nötig ist.

Also verbringen wir noch eine weitere Woche in Santiago, erkunden die Stadt ausgiebig und feiern ausgelassene Partys mit unseren neuen chilenischen Freunden. Bis in die frühen Morgenstunden.

Zum Sonnenaufgang sind wir hoch auf den Cerro San Cristobal gewandert und haben nun den Blick über Santiago de Chile für uns allein

Der Schnee vor zwei Tagen sorgt für freie Sicht. Sonst hängt zu viel Smog über der Stadt

Stadtgespräche

Noch mehr schlechte Nachrichten

Ich schreibe Johnny nach einer Woche eine Nachricht: “Ist das Mopped fertig?”. Die Antwort lautet: “Ja”. Moe und ich machen uns glücklich und erleichtert auf den Weg in die Werkstatt. Unser Tiger steht schon bereit zum Abholen. “Da wäre allerdings noch eine Kleinigkeit”, meint Marco, der Mechaniker, der auch Englisch spricht. Mir rutscht das Herz in die Hose. “Wir haben die Kette ausgetauscht, ein neues Ritzel konnten wir allerdings nicht auftreiben.” Moe und ich schauen uns ungläubig an. Das Ritzel ist so hinüber, es muss auf jeden Fall erneuert werden. Und wenn nicht hier, wo denn dann? Argentinien ist keine Alternative, dort sind die Importzölle gigantisch. Unser Problem ist also immer noch nicht gelöst. Moe und ich beratschlagen uns kurz und entscheiden uns dann, weiterhin auf das Kettenkit vom Triumph-Händler zu warten, welches wir aus Vorsicht zum Glück noch nicht abbestellt haben. “Die neue Kette von euch können wir leider nicht allein gebrauchen” teile ich Marco mit. Unseren Tiger dürfen wir hier noch eine Weile stehen lassen, bis das Kit ankommt.

Und so vergehen wieder zwei Wochen, in denen wir vergeblich auf die Ankunft der Ersatzteile und auch auf die Ankunft unseres Pakets auf Deutschland (mit anderen wichtigen Ersatzteilen) warten. Langsam haben wir ein schlechtes Gewissen, dass wir so lange das Wohnzimmer von Hernan okkupieren, doch der sieht das ganz gelassen und betont, wie gerne er uns bei sich hat. Nun gut, wenigstens ist das unkompliziert.

Wiedersehen mit alten Freunden

Alte Freunde aus Marburg sind auch gerade auf Weltreise, sie sind ein bisschen schneller als wir unterwegs. Zuerst waren sie in Mexiko, dann in Peru. Nach Uruguay folgt Argentinien. Wir dachten zu Beginn unserer Reise, uns vielleicht in Peru mit ihnen zu treffen – völlig utopisch. Argentinien schien dann doch realistischer. Wir hatten uns die Stadt Salta als Treffpunkt ausgesucht, doch aufgrund unseres andauernden Aufenthalts in Santiago war dann auch das nicht möglich. Wir kommen noch nicht einmal nach Argentinien rüber, weil wir nur mit Tiger über die chilenische Grenze dürfen.

Jessy und Björn sind mit dem Bus unterwegs und entschließen sich kurzerhand, einen Abstecher nach Chile zu machen, um uns in Santiago besuchen zu kommen. Wir freuen uns riesig, dass die Wiedervereinigung auf amerikanischen Boden doch noch klappt. Manchmal kann es auch unkomplizierter sein, kein eigenes Fahrzeug zu haben, um das man sich wie um ein Baby kümmern muss.

Wie machen zusammen einen Roadtrip in die Berge rund um Santiago und fahren dann ans Meer, nach Valparaiso.

Mitten in den Bergen finden wir einen “Lost Place”

Die verlassenen Häuserruinen haben früher als Unterkunft für die Arbeiter am Stausee gedient

Der Stausee “Embalse el Yeso” versorgt ganz Santiago mit Trinkwasser

Der Sonnenuntergang ist die beste Zeit für einen Besuch, wie das folgende Bild zeigt

Keine Nachbearbeitung: Die Farben am Himmel sind echt!

Valparaiso unterscheidet sich von allen anderen chilenischen Städten, die wir gesehen haben

Typisch für das Stadtbild: Bunte Häuser, die in die Hänge gebaut sind

Eine Erkundung zu Fuß lohnt sich

Hinter jeder Straßenecke verbirgt sich neue Kunst an den Wänden

Rund um die Markthalle gibt es frisches Obst und Gemüse günstig zu kaufen

Hier gibt es natürlich auch wieder hungrige Straßenhunde

Eine Stadt, die kontinuierlich wächst

Misstrauischer Hausbewacher

Nach der gemeinsamen Zeit verabschieden wir uns von Jessy und Björn, für die es jetzt nach Südafrika geht. Wir bleiben in Santiago.

Pakete auf Irrwegen

Wieder einmal schreiben wir an Triumph und wollen wissen, wann denn nun endlich das blöde Kettenset ankommt. Eigentlich müsste es inzwischen schon längst da sein und obwohl wir eine gute Zeit mit Hernan und seinen Freunden verbringen – so langsam wollen wir Santiago auch nun wieder verlassen. Raus aus der Stadt, rein in die endlose Weite und Einsamkeit. Es kribbelt es in unseren Füßen.

Doch die Geschichte setzt sich fort wie im Film: Triumph verschiebt das Ankunftsdatum schon wieder nach hinten. Auch von dem Paket hören wir gar nichts mehr. Wir hängen in der Luft. Das Vertrauen in Triumph haben wir komplett verloren. Auch unser DHL Paket konnte offenbar nicht zugestellt werden und ist mittlerweile schon wieder nach Deutschland zurückgesendet worden. Wir wissen nicht, wie wir jetzt weitermachen sollen.

Doch dann erinnert sich Moe an eine Freundin, die bald ein Auslandssemester in Santiago beginnt und uns schon vor längerer Zeit angeboten hatte, etwas nach Südamerika mitzubringen. Damals haben wir gedacht, dass wir zur Zeit der Ankunft von Gesa schon lange nicht mehr hier sein würden… Doch jetzt ist bereits so viel Zeit vergangen, dass dies unsere letzte Rettung sein könnte.

Also, alles noch einmal umdisponieren. Die Sachen aus dem Paket werden in Deutschland über mehrere Personen an Gesa übergeben und wir bestellen ein neues Ritzel zu ihr nach Hause. Johnny hat zum Glück noch die Kette, welche er uns neu besorgt hatte.

Bis Gesa dann in drei Wochen in Santiago ankommt wollen wir aber nicht tatenlos rumsitzen. Um reisen zu können, wollen wir das alte Ritzel vorerst drauf lassen und weiter in den Norden fahren. Von dort aus wird Moe alleine mit dem Bus nach Santiago fahren und schließlich die Ersatzteile abholen. Eine schwere Geburt, aber hier muss man sich den Umständen entsprechend immer etwas Neues einfallen lassen.

Kann es denn nicht einmal einfach funktionieren?

Nun geht es also wieder mal in die Werkstatt, um den Tiger abzuholen. Bei Johnny angekommen, steht der Tiger auseinandergerupft in der Einfahrt. Um Himmels Willen, was ist jetzt schon wieder? Ich fasse es nicht. Der Gaszug ist gerade eben gerissen, als sie den Motor gestartet haben. Nun gut, denke ich mir, wenigstens ist es hier und nicht auf der Straße passiert. Der Tank wird abgenommen und ein neuer Gaszug montiert. Nach einer kleinen Grillparty in der Werkstatt können wir endlich unseren Tiger mitnehmen. Das wird aber auch Zeit.

Bei Johnny ist immer gute Stimmung

Das Fleisch ist ein absoluter Traum

Wir parken den Tiger vor Hernans Apartment und packen unsere Sachen zusammen. Morgen gibt es dann eine Abschiedsparty, bevor wir uns auf den Weg machen.

Als wir uns am nächsten Morgen zum Motorrad begeben, traue ich meinen Augen nicht. Irgendeine Flüssigkeit tropft im Sekundentakt vom Motorrad runter. Das kann einfach nicht wahr sein. Zu dritt quetschen wir das Mopped durch das viel zu kleine Tor zum Hof, um das Motorrad genauer untersuchen zu können. Wahrscheinlich ist das, was da gerade rausläuft, Benzin. Ich starre ungläubig auf den Unglücksfall, während Moe bereits beginnt, das Mopped auseinanderzunehmen. Aufgeben bringt hier gar nichts.

Das Problem ist dann recht schnell gefunden. Ein Ventil in der Benzinpumpe ist bei der Abnahme des Tanks in der Werkstatt kaputt gegangen, ohne dass es einer von uns gemerkt hätte. Nun läuft die Suppe so richtig raus. Man kann das den Jungs in der Werkstatt nicht vorwerfen, denn diese verflixten Plastikventile sind eine Schwachstelle des Tigers. Schon vor unserer Reise ist uns eins kaputt gegangen, weshalb wir in weiser Voraussicht genau dieses Ersatzteil mitgenommen haben. Wenigstens das.

Johnny ist dummerweise genau jetzt in den Urlaub gefahren und uns fehlen die Eier, das Teil alleine bei Hernan im Hof auszutauschen. Was, wenn wir den Tiger dann gar nicht mehr wegbewegen können? Ich traue mich schon fast gar nicht, Hernan mitzuteilen, dass wir wohl noch länger bei ihm bleiben werden. Er nimmt’s mit Humor und redet stolz vom wohl längsten Couchsurfing ever. Irgendwie ist er zuversichtlicher als Moe und ich zusammen.

Bis wir allerdings zu Johnny in die Werkstatt mit unserem tropfenden Tank fahren können, müssen wir das Benzin aus dem Tank holen, bevor durch das undichte Ventil alles im Boden verteilt wird. Ein Schlauch muss her. Hernan hat die grandiose Idee, ein Stück vom Gartenschlauch des Hausmeisters für unser Vorhaben zu entwenden. Genial. Und so stehen wir da, schauen ratlos drein, mit einem kaputten Motorrad und dem Schlauch in der Hand. Ein alter Wasserkanister dient als Auffangbecken (eigentlich schade, dass ich dies nicht in einem Erinnerungsfoto festgehalten habe). Ich hab keine Ahnung von der sogenannten Schlauchansaugmethode, Moe auch nicht. Die Technik ist prinzipiell einfach. Der Schlauch wird in den Tank eingetaucht, welcher höher liegt als unser Eimer. Mit dem Mund saugt man dann kurz am Schlauch, bis das Benzin durchgelaufen kommt. Dann kommt der Schlauch schnell in den Behälter. Das Benzin läuft auf Grund der vorhandenen Druckdifferenz so lange nach unten, bis die Benzinoberfläche das untere Ende des Schlauches erreicht hat bzw. ein Druckausgleich vorhanden ist. Soweit die Theorie. Irgendwie funktioniert es in der Praxis dann doch nicht ganz so. Schon beim ersten Versuch läuft Moe Benzin in den Mund. Beim nächsten Versuch spritzt das Benzin durch die Luft und mir ins Auge. Das funktioniert ja hervorragend… Ich könnte heulen.

Irgendwann ist der Kampf gefochten, der Tank ist sechs Liter leerer und wir fix und fertig. Ob wir Santiago wohl jemals wieder verlassen werden?

Doch der Motorradgott ist uns gnädig und als wir schließlich wieder bei Johnny auf der Matte stehen, wird das kaputte Ventil ausgetauscht. Jetzt können wir hoffentlich wirklich so etwas wie eine Abschiedsparty schmeißen.

Schnell weg hier, bevor wieder etwas kaputt geht

Aus den drei Tagen, für die wir damals bei Hernan für’s Couchsurfen angefragt haben, sind also nun vier Wochen geworden. Die chilenische Gastfreundschaft und die unvergesslichen Partys mit unseren neuen Freunden lassen uns trotzdem auf die Zeit der vielen Rückschläge positiv zurückblicken.

Auch wenn der Reisealltag auf dem Mopped nicht immer besonders komfortabel ist, wir haben ihn in dieser Zeit sehr vermisst. Nun freuen wir uns riesig, endlich wieder das Motorrad zu beladen und den Motor für neue Abenteuer zu starten.