Reisemüde – Auszeit auf der Hacienda

“Ich kann nicht mehr, ich hab keinen Bock mehr.” Diese Worte musste sich Nicki in den letzten Wochen mehr als einmal von mir anhören. Für Außenstehende mag es so wirken, als würden wir einen nicht enden wollenden Urlaub machen. Wir leben “den Traum”: jeden Tag mit dem Motorrad neue Welten entdecken, Menschen kennenlernen, das Leben genießen. Doch jeder Langzeitreisende weiß auch, wie anstrengend es sein kann, keinen festen Alltag zu haben, sich täglich auf etwas Neues einstellen zu müssen.

Ich fluche, wenn das Motorrad in einem Sandloch mal wieder den Reifenkontakt zum Boden verliert. Ich fluche, wenn wir morgens das pitschnasse Zelt einpacken und vor dem Regen flüchten müssen. Ich fluche, wenn ich zwischen beiden Rädern eine Pfütze aus Kühlflüssigkeit oder Benzin entdecke. Und ich fluche, wenn ich mir in einem Laden einfach nur eine Cola kaufen möchte und stattdessen mit völliger Ignoranz des Verkäufers bestraft werde. Was besitze ich überhaupt die Frechheit, ihn in seinem Laden vom Nichtstun abzuhalten? Ich fluche zu viel. Ich bin reisemüde.

Zeit für eine Pause

Ja, die Regenzeit in den Bergen Perus hat uns zugesetzt. Wir beschließen nach Ecuador zu fahren, um uns mal wieder etwas Alltag zu gönnen und den Regen auszusitzen. Unsere Freunde, die wir in Arequipa kennengelernt haben, haben uns empfohlen, die Hacienda Chan Chan zu besuchen. Wunderschön im bergigen Umland von Cuenca gelegen und von einer US-Amerikanischen Aussteigerfamilie betrieben. Auf unsere Anfrage bekommen wir die Antwort, dass wir herzlich willkommen sind und wir bei ihnen gegen Kost und Logis arbeiten können. Arbeit auf der Farm gibt es immer.

Viva la Panamericana

Mittlerweile sind unsere Reifen ganz schön abgefahren. Der Vorderreifen ist noch aus Deutschland und hat mittlerweile knapp 35.000 Kilometer runter, auf dem Hinterreifen ist nach über 8.000 km nicht mehr viel Profil. Weil große Motorräder in Peru selten sind, ist es schwer, an neue zu kommen. Also fährt Nicki mit dem Bus in die Hauptstadt Lima, um dort neue Reifen, Blinker und eine Kette zu kaufen – eine Tagesaufgabe. Um das letze bisschen Reifenprofil auszunutzen, spannen wir die schweren Reifen über den Tank. Ist zwar nicht bequem beim Fahren, aber zweitausend Kilometer gehen noch.

Den Weg nach Ecuador fahren wir über die Panamericana. Die Schnellstraße führt an der Küste entlang und ist kurvenarm, wüstenreich und sterbenslangweilig. Aber immerhin kommt man hier schnell voran und es gibt keinen Regen. Außerdem ist es schön, mal wieder am Meer zu sein. Im pazifischen Ozean haben wir perfekte Wellen zum Surfen und können sogar mit riesigen Schildkröten schwimmen gehen.

Neue, alte Erkenntnisse

Kurz vor der ecuadorianischen Grenze lassen wir Kette und unsere neuen Reifen aufziehen. Ja, der hartgesottene Motorradreisende sollte so was selbst machen, aber wir lassen das lieber vom “Fachmann” erledigen. Doch ich Dummkopf beginne zu bereuen, als ich zu spät feststelle, dass der Vorderreifen in der falschen Laufrichtung aufgezogen wurde. Ich hätte besser wissen müssen, dass man hier in Südamerika alles drei Mal selbst überprüfen muss…

Der Grenzübergang ist wie immer unspektakulär. Nur durch die riesigen Zelte vom Roten Kreuz unterscheidet sich dieser von den bisherigen. Venezolanische Flüchtlinge bekommen hier Impfungen, sauberes Trinkwasser und eine medizinische Versorgung. Wegen Misswirtschaft und Korruption muss ein großer Teil der venezolanischen Bevölkerung aus der Heimat fliehen. Durch die Inflation sind die Geldscheine das Papier nicht mehr Wert, auf dem sie gedruckt sind und es ist für viele kaum noch möglich, an Lebensmittel zu kommen. Wir haben schon häufig venezolanische Familien am Straßenrand gesehen, die auf Pappschildern ihr Schicksal mitteilen und um etwas Unterstützung bitten. Zwischen den riesigen Versorgungszelten wird mir die Situation noch mal besonders verdeutlicht.

Man, wie peinlich!

In Ecuador angekommen, gilt es zunächst Geld zu besorgen. Enttäuscht kommt Nicki vom Geldautomaten zurück. “Der spuckt nur US-Dollar aus, wir müssen uns eine andere Bank suchen”. Als auch der nächste Geldautomat nur Dollar rausgibt, werden wir skeptisch und fragen bei einen alten Mann auf der Straße nach. Dieser lacht uns herzlich aus: “Vergesst es, in Ecuador bezahlt man seit 20 Jahren nur noch mit US-Dollar”. Wir sind wie immer unvorbereitet und haben blind unserer Währungsumrechnungs-App vertraut, die einen Wechselkurs für ecuadorianische Pesos angezeigt hatte. Der Währungswechsel war damals eine erfolgreiche Maßnahme der Inflation zu entgehen. Mittlerweile gehört Ecuador zu den wohlhabenderen Ländern Südamerikas.

Arbeit als Auszeit

Als wir auf der Hacienda in Cuenca ankommen, werden wir herzlich von Luke, Julie und ihren fünf Kindern herzlich empfangen. Und wir bekommen für den nächsten Monat sogar unser eigenes Haus. Was für ein Luxus! Die Arbeiten auf der Farm sind äußerst vielfältig und jeden Tag gibt es etwas anderes zu tun: Wir düngen die Wiesen auf dem riesigen Gelände, wir hacken und zersägen Holz, versorgen Gäste mit Frühstück, warten die Wasserversorgung und füllen frische Milch ins Milchfahrzeug. Außerdem arbeiten wir an einer neuen Homepage mit einem Onlineshop für die Milchprodukte. Eine Aufgabe macht uns besonders Spaß: Wir sollen Wanderwege anlegen. Tagelang laufen wir etliche Kilometer bergauf und bergab, um die besten Pfade zu finden. Mit der Machete schlagen wir uns durch Dornenbüsche, bauen Steinmännchen und mit Eimer und Pinsel werden Wegmarkierungen erstellt. Nachdem wir schöne und gut passierbare Wege gefunden und befreit haben, laufen wir noch einmal alles mit dem GPS-Tracker ab, um anschließend am Computer eine schicke Wanderkarte zu erstellen.

Kleine Babyputen watschelten auf der Farm herum

Kalb im Grünen

Die junge Frau hier ist noch keinen Tag alt

Kuh vor Melkstation

Täglich mussten die Kühe zweimal gemolken werden

Nickis Holzhack-Skills wurden mit der Zeit immer besser

Nicki malt einen Schmetterling

Wir haben bestimmt hundert Wegmarkierungen erstellt

Fohlen knabbert an Motorradtasche

Der Tiger hat einen Freund gefunden. Ob die Tasche wohl schmeckt?

Wanderwegschilder

Auch Schilder haben wir aufgebaut

Die beiden Tschechen von tdoverland.cz waren Gäste auf der Farm und haben mit uns so manchen Schluck Rum geteilt

Eine Wanderkarte

Wir finden, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann

Kleiner Hinweis: Der folgende Abschnitt enthält brutale Szenen und abgeschnittene Schweinehoden. Wer sich das ersparen will, sollte schnell zu den süßen Schweinebabys runterscrollen.

Eine Episode auf der Hacienda bleibt mir besonders in Erinnerung: Der Eber Wilbert wurde gekauft, um die Säue auf der Farm zu decken. Doch Wilbert hat ein Problem: Er ist zu schüchtern – oder wie Luke mir erzählt: “he’s a coward”. Die Säue lassen Wilbert nicht an sich heran und so verliert er seine Funktion als Deckeber. Daraus ergeben sich für Wilbert leider neue Probleme, denn seine neue Funktion ist somit die des Schweinefleischlieferanten. Eberferkel, die für die Schlachtung vorgesehen sind, werden normalerweise als Babies kastriert, denn die Eberhoden entwickeln Androstenon und Skatol welche zu stinkendem Schweinefleisch führen. Da Wilbert aber nun schon ein großer, fetter Eber ist, wird die Kastration deutlich aufwändiger.

Nicki, ich und zwei Ecuadorianer müssen das zappelnde Schwein mit Seilen festhalten, während der Tierarzt sich mit einer großen Schere an Wilberts Weichteilen zu schaffen macht. Das ängstliche Kreischen, Grunzen und Schreien von Wilbert geht mir direkt ins Herz. Als Mann tut mir diese Szene besonders weh. Wilbert “the Coward” hat offenbar die Schmerzen seines Lebens. In Deutschland wäre so eine Kastration ohne Betäubung übrigens illegal. Selbst der Farmhund Lassie, der das Treiben beobachtet, winselt und verliert eine Träne. Als der Tierarzt fertig ist, schmeißt er die abgeschnittenen Organe in einen Busch und Lassie freut sich über ein unerwartetes Mittagessen. Die Bilder und vor allem Geräusche verfolgen mich noch länger in meinen Träumen. Als Fleischesser muss ich da wohl durch…

Ferkel

Sind sie nicht süß?

Zwei Hunde sitzen vor einem Bergpanorama

Die beiden Hunde Lassie und Dodgy bewachen die Farm

Moe hält Ferkel in der Hand

Da hat der Moe noch mal Schwein gehabt

Neben der Farmarbeit hatten wir noch genug Zeit, an einigen eigenen Projekten zu arbeiten. Wir haben auf der Farm unglaublich viel gelernt und einige tolle Menschen getroffen. Da wir kaum Geld ausgegeben haben und wir auch online für unsere Kunden in Deutschland arbeiten konnten, hat die Reisepause auch deutlich die Reisekasse aufgebessert. Für den Außenstehenden mag das komisch klingen, aber die körperliche Arbeit konnte mich entspannen und mir den dringend benötigten Ausgleich zum Unterwegssein bieten. Und nach dieser Auszeit vom Reisen bin ich wieder höchst motiviert, das Motorrad zu beladen und ins Ungewisse aufzubrechen.

Selfie von Nicki und Moe

Weiter geht’s zu neuen Abenteuern!

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2 Comments

  1. Thomas Brathge

    Wieder Mal super geschrieben und schöne Bilder. Besonders das letzte gefällt mir gut. Ihr seht da richtig glücklich und entspannt aus. Weiter so.

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  2. Jonas

    Ich hab meine letzten Reifen bei meinen Eltern in der Garage montiert. Natürlich wie immer just in time. Nach 4h war der vordere Reifen geschafft. Dachte ich. Der Schlauch war bei der aktion kaputt gegangen und ich auch.
    Ich resignierte und ging um 0 Uhr bei meinen Eltern zu Bett. Am nächsten morgen versuchte ich noch schnell einen Reifen- Motorradhändler zu finden der mir hilft. Keiner war dazu bereit und ich musste zusammen mit meinem Bruder noch mal ran. Nach knapp 8 Stunden und noch einem kaputten Schlauch später war es vollbracht. Die Freude war groß, die Schmerzen die ich im Rücken hatte auch.

    Auf den nächsten Kilometern hörte ich ganz genau hin und hörte natürlich lauter Geräusche die mir komisch vorkamen.

    Eine nette Erfahrung. Wenn ich es nicht machen muss werd ich es aber sicher auch nicht mehr machen.

    Tolle Aufgaben hattet ihr da. Es ist auch für mich ein Traum mal so auf einem Bauernhof zu arbeiten.

    Reply

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