von | 16. Jul 2019 | 2 Kommentare

Ach, du liebe (Regen-)Zeit!

Liebe Freunde der gepflegten Reiseunterhaltung,

ihr müsst jetzt ganz stark sein. Der Grund: Unsere externe Festplatte ist kaputt gegangen. Daher sind die spektakulären Bilder von Schlammkämpfen nun leider verloren gegangen. Ihr müsst es daher als Chance sehen. Die Chance, mal wieder euer Vorstellungsvermögen zu trainieren und gegen die Behauptung anzukämpfen, Goldfische hätten heutzutage eine größere Aufmerksamkeitsspanne als wir.

Legen wir also los…

Noch ist Alex aus Deutschland zu Besuch und wir wollen nach dem Besuch bei Machu Picchu zusammen Motorrad fahren. Da es in Lima jedoch keinen vernünftigen Motorradverleih gibt, fahren Moe und ich mit dem Tiger vor, um uns zwei Tage später mit Alex in Huánuco zu treffen. Mitten in den Bergen.

Am ersten Tag haben wir dabei auch noch mächtig Spaß, als uns die leergefegte Straße immer wieder über Schotterabschnitte und kurze Flussüberquerungen schickt. So weit, so gut.

Traumkulisse auf hohen Pässen

Alex setzt sich also in den Nachtbus, während wir den zweiten Fahrtag antreten. Der Asphalt verabschiedet sich komplett und wir geraten an schlammige Matschpisten, auf denen wir nur noch sehr langsam vorankommen. Schließlich setzen uns “Umleitungen” über Schlammfelder, weggebrochene Straßenteile, der durchgängige Nebel und die erbarmungslose Kälte richtig zu. Was passiert wenn man hier nicht aufpasst, sehen wir dabei auch noch: Ein Bus hat sich den Abhang hinunter verabschiedet. Keine Seltenheit in Peru. Umzudrehen ist keine Option, haben wir uns nun so weit vorgekämpft, dass wir diesen Weg keinesfalls ein zweites Mal bestreiten wollen.

…und weg ist die Straße

Knapp 90 Kilometer vor Huánuco ist dann die Straße gesperrt. “Ihr müsst zurück fahren, hier geht es nicht mehr weiter”, ruft uns ein Mann in Warnweste entgegen. “Kommen wir hier nicht mit dem Motorrad durch?” “Nein.” Davon wollen wir uns selbst überzeugen und fahren an der Absperrung vorbei. Bis sich ein Anblick bietet, der uns sprachlos zurücklässt. Durch einen Erdrutsch hat die komplette Straße einen Abgang gemacht. Da sie sich am steilen Hang befand, ist ein Alternativweg ausgeschlossen. Schöne Scheiße. Wir kontaktieren Alex, der sich schon wundert, wo wir bleiben. Ob wir es heute noch zu ihm schaffen? Wohl eher nicht.

Wir fahren zur Tankstelle, wo uns ein sehr freundlicher Venezolaner eine andere Strecke an’s Herz legt. Sie führt im großen Bogen wieder weit hinauf über einen Pass, immerhin müssen wir aber nicht zurückfahren. Wir haben die Hoffnung, dass wir es – wenn auch spät – noch nach Huanuco schaffen. Auch, wenn wir jetzt schon vollkommen am Ende unserer Kräfte sind.

Was machen wir hier eigentlich?

Doch es kommt – wie immer – anders als geplant. Der Hauptständer löst sich kurze Zeit später und wir schrauben am Straßenrand, bis es allmählich dunkel wird. Auf über 4400 Metern wird es dann ganz schnell ganz frisch. Wir müssen allerdings bis zur nächstgrößeren Stadt Cerro de Pasco durchhalten, da Campen auf dieser Höhe keine Option ist. Bis dahin sind es jedoch noch stolze 80 Kilometer und obwohl ich schon bibbernd auf dem Motorrad sitze, fängt es schließlich auch noch an, zu regnen. Ich zähle jeden verdammten Kilometer.

In Cerro de Pasco ist das Drama noch nicht vorbei. Stundenlang (!) suchen wir nach einer Unterkunft mit Stellplatz für den Tiger. Wir fragen uns durch und bekommen immer nur falsche oder gar keine Auskunft. Moe und ich sind dermaßen am Limit, dass wir uns schließlich schon gegenseitig anfeinden. Den Tiger in dieser abgewrackten Stadt alleine nachts auf der Straße stehen zu lassen – überhaupt keine gute Idee! Gibt es denn nicht endlich eine Erlösung für uns?

Nach der verzweifelten Suche finden wir am Ortsausgang ein typisches Sex-Motel. Wie schon so oft, haben wir keine Wahl, nein, wir sind überglücklich, nun einen sicheren Platz für den Tiger gefunden zu haben. Um elf Uhr liegen wir endlich im Bett, in einem schweinekalten Raum. Den Luxus von Heizungen gibt es hier gewöhnlich nicht.

Selten war ich so schwach. Noch nie habe ich dermaßen gefroren. Ich kann nicht mehr und weine, vor Schmerz und vor Erleichterung. “Was machen wir hier eigentlich?”, frage ich Moe. Noch weitere zwei Stunden liege ich zitternd im Bett und zweifle. An allem.

Neue Herausforderungen

Am nächsten Tag sieht die Welt schon ein wenig besser aus. Wir erreichen Huánuco und werden vom Mechaniker des Motorradverleihs direkt zum Mittagessen eingeladen. Alex ist inzwischen schon ein Teil der Familie geworden und durfte im Wohnzimmer zwischen einigen Motorrädern übernachten.

Für die nächsten Tage leiht sich Alex eine leichte Honda mit 300 ccm. Auch Moe und ich wollen mal etwas unbeschwerter unterwegs sein und mieten uns für einen Tag zwei kleine China-Moppeds, die in Südamerika sehr verbreitet sind. Dann geht es über tausend Meter hoch hinaus – und ich bekomme erstmal eine Panikattacke. Bisher bin ich erst ein einziges Mal richtig offroad gefahren und hätte mir für das zweite Mal, nun ja, sagen wir etwas Anfänger-freundlicheres gewünscht. Es braucht etwas Überzeugungsarbeit, bis ich mich schließlich darauf einlasse, es zu probieren. Die engen Serpentinen, der steile Anstieg und das lose Geröll bringen mich echt in’s Schwitzen, sodass ich mich weit außerhalb meiner Komfortzone befinde. Doch Alex und Moe warten brav auf mich.

Schnee im Sommer

Tagsdrauf brechen wir in Richtung Norden auf. Die Fahrt durch die Berge ist wieder mal der Wahnsinn. Endlose Spitzkehren führen uns munter rauf und wieder runter. So ist es völlig normal, sich innerhalb eines Tages unten im Tal todzuschwitzen, weiter oben in stürmische Windböen zu geraten und später auf 4300 Metern sogar Schneefall zu haben. Was auf der Karte wie eine ganz normale Linie aussieht, könnte kaum mehr Überraschungen bereithalten.

Der Regen ist unser treuer Begleiter und so schön die Berge auch sind: es ist und bleibt einfach ungemütlich und anstrengend.

Bei diesem Wetter würden wir uns am liebsten direkt im Schlafsack verkriechen

Mit leerem Magen schäft es sich jedoch schlecht. Moe baut einen Regenschutz

Wie schön wär’s hier mit Sonnenschein?

Mehr geht immer!

Also ändern wir die Route und fahren an die Küste, wo die Straßen zwar stinklangweilig, das Wetter jedoch wunderbar warm und trocken ist. Hier treffen wir auch Michael, dessen Honda Transalp uns sofort in’s Auge springt. Und so schön verkautzt wie Michael ist wohl auch kein anderer Österreicher. Es gibt ja Menschen, die sich regelmäßig über unsere Gepäckmenge auslassen; Michael erreicht jedoch ein ganz neues Level. In seinem zusammengeschusterten Gepäcksystem hat er zwanzig Liter Wasser, literweise Motoröl, einen Sonnenschirm und auch zwei lange Holzbretter als Parkhilfe locker untergebracht. Unser Highlight bleibt jedoch ein langer Stock – griffbereit in einem Eimer vorne gelagert – damit er Hunde vertreiben und gegen LKWs schlagen kann, die ihm zu nahe kommen. Was ein lässiger Typ!

Wir verabreden uns zum Geschichten-Erzählen, wobei wir dann auch später erfahren, dass Michael schon 57 Jahre als ist (wonach er keinesfalls ausschaut). Wieder einmal der Beweis: Reisen hält jung!

“Da hinten ist bestimmt ein guter Schlafplatz”

Vielleicht doch nicht sooo gut…

Eine schöne Überraschung

Genug Erholung. Nun geht es laaaangsam wieder zurück in die Berge, und zwar zurück in die wunderschöne Cordillera Blanca, wo wir uns abends im kleinen Ort Yungay in einem kleinen Kiosk verirren. Hier sitzen einige Peruaner beim Bier und beim Pisco zusammen, die Stimmung ist ausgelassen und im Fernseher laufen durchaus unterhaltsame Videos der regionalen Bergmusik. Nix wie rein da!

Es dauert auch nicht lange, bis wir gemeinsam anstoßen. Moe verrät dem lustigen Volk, dass heute mein Geburtstag ist und so muss ich mit Marco, siebzig Jahre alt, zu der hiesigen Musik mit einem Taschentuch in der rechten Hand tanzen (gehört sich hier so). Alex wird el Especial (“der Spezielle”) getauft, da er heute keinen Alkohol trinkt (gehört sich hier nicht so). Marco lädt uns spontan zum Frühstück am nächsten Morgen ein.

Das nehmen wir natürlich an und genießen gemeinsam die frischen Avocados von seinem Baum, haben einen netten Plausch und bewundern seinen schönen Garten, aus dem er uns reichlich Obst mit auf den weiteren Weg gibt. Im Mai ist ein großes Volksfest. “Wollt ihr da nicht vorbeikommen?” Wir versprechen, wiederzukommen. Einladungen auf Reisen sollte man niemals ablehnen…

Der Nationalpark Huascaran verzaubert uns mit seinen schönen Bergen

Unverhofft kommt ziemlich oft

Wir treten den Rückweg gen Huánuco an. Wieder einmal kämpfen wir mit der Kälte, der Höhe und dem Regen. Alex hat es besonders schwer, da er nur in dünner Hose und ohne Heizgriffe fährt (die definitiv zu einer der besten Erfindungen für Motorradreisende zählen!).

Es passiert schon wieder: Vor uns ist die Straße einfach weggebrochen. Ein recht beängstigender Anblick. Es stehen jedoch einige Peruaner an der Unglücksstelle und winken uns munter in Richtung eines schmalen Pfads weiter. “Kein Problem mit den Motorrädern. Hinten kommt ihr wieder auf die Straße drauf.”

Ich laufe ein Stück rein, wobei mir direkt ein Pick-Up entgegen kommt. “Wird nicht einfach”, rufe ich anschließend. “Ist aber machbar.”

Hässliche Gesten

Wir fahren los, wobei sich der Pfad immer weiter in einen anspruchsvollen Wanderweg verwandelt. Doch einige Peruaner, die über diesem Weg einige Güter zu Fuß transportieren, bieten ihre Hilfe an. Viele Männer stützen nun den Tiger, der langsam über die hässlichsten Stellen geschubst, geschoben und gehalten wird. Was für ein Kraftakt! Ich schaue mir den weiteren Verlauf an und bekomme einen leichten Schock: Der nächste Part ist schier unmöglich! Der Pick-Up kann niemals hier rauf gefahren sein, so schmal wie es ist.

Nun gibt es jedoch kein Zurück und so tragen wir den Tiger mit allergrößter Vorsicht die folgenden Steinstufen hinunter. Während ich mich gerade darüber ärgere, den optimistischen Peruanern vertraut zu haben, bringt ein anderer die Hiobsbotschaft: “Hinter dem Hügel hier wird es noch schlimmer.”

Inzwischen fragen die Peruaner nach Geld für ihren noblen Dienst. Ich frage mich, ob wir wohl nur zu diesem Zweck überhaupt erst hier entlang geschickt worden sind.

Als Nächstes geht einen steilen, absolut verschlammten Abhang geradewegs runter. Ich weiß im Nachhinein nicht wie, aber mit vereinten Kräften von sieben Mann bringen wir den Tiger auch dort heil herab. Die anschließende Flussdurchfahrt ist vergleichsweise ein Kinderspiel.

Was für ein Albtraum!

Doch das ist alles nicht genug: An der Tankstelle des nächsten kleinen Ortes ernten wir verwunderte Blicke. “Wie habt ihr es mit dem Motorrädern hierher geschafft?”, fragt der Tankwart. Ich erzähle von der schlammigen Aktion, bekomme doch nur einen fragenden Blick. “Warum habt ihr das gemacht, wenn die Straße hinter diesem Ort doch auch weggebrochen ist?”

Es lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben, wie sehr mir in diesem Moment das Herz in die Hose gerutscht ist. Jedenfalls habe ich für einen kurzen Augenblick den Glauben an die Menschheit verloren.

Wir fahren am nächsten Morgen dennoch los und wollen uns die Stelle immerhin einmal anschauen. Der alternative Fußweg geht schon am Anfang dermaßen steil den Hügel hoch, dass es uns mit dem Tiger absolut unmöglich ist. “Mindestens zwei Wochen dauert es, bis eine Umleitung gebaut ist.” Alex muss allerdings das Motorrad abgeben und seinen Flug in die Heimat bekommen. Da geht kein Weg dran vorbei. So tragen Moe und Alex, wieder mit der Hilfe von Schaulustigen, das kleine Mopped über den Weg. Eine heftige Action, die darin resultiert, dass wir den Namen der loco gringos (“verrückte Weiße”) ernten. Schlaumeier sprechen uns sogar Mut zu: “Das schafft ihr auch mit dem großen Motorrad.” Jaja…

Ich passe derweil auf den Tiger auf und schlage unsere Pässe auf. Schaffen wir es überhaupt rechtzeitig aus Peru, wenn wir hier jetzt so lange gefangen sind? Ich frage mich durch, ob es nicht doch irgendwo eine Strecke gibt, mit der wir aus diesem Dorf rauskommen. Und tatsächlich: Es gibt einen Weg, der nicht auf unserer Karte eingetragen ist. Nachdem wir uns also von Alex unter ganz anderen Umständen verabschieden müssen, als wir es jemals erwartet hätten, starten wir wieder in’s Ungewisse. Doch diese unerwartete Strecke entpuppt sich als wahre Traumstraße, die uns an den schönsten Bergen, der Cordillera Huayhuash, entlangführt. So hat der böse Spuk doch noch ein gutes Ende.

 

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2 Kommentare

  1. Silencer

    Konnte nicht aufhören zu lesen, spannend wie ein Krimi. Und auch bei mir immer die Frage: Warum tut Ihr Euch das an?

    Antworten
    • Nicki

      Wir machen das nur, damit wir spektakuläre Bilder für Instagram haben!!!
      Ach nee, Mist… die sind ja verloren gegangen…

      Antworten

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