Heimweh – Gedanken einer Langzeitreise

Auch wenn uns manche Bilder vielleicht das Gegenteil vermitteln wollen: Das Abenteuer besteht weiß Gott nicht nur aus schönen Begegnungen, romantischen Abenden und der großen Freiheit. Deswegen gibt es heute mal keinen klassischen Reisebericht, sondern einen Einblick in meine aktuelle Gefühlslage:

Reisen ist furchtbar anstrengend!

Dass bei uns nicht immer alles rund läuft, haben wir ja bereits in dem ein oder anderen Beitrag hier schon ausführlich beschrieben. Natürlich sind es auch eben diese Pannen, die die Reise mittragen und so spannend machen. Was aber oft nicht thematisiert wird: die alltäglichen Kämpfe, die es zu bestreiten gilt.

Wie viele Tage haben wir beispielsweise schon mit der Beschaffung von einfachsten Dingen verschwendet! Wie oft habe ich schon ein warmes Bett gegen den kalten, harten Boden, einen üppigen Kleiderschrank gegen die eine verdreckte Hose, ein großzügiges Frühstück gegen einen knurrenden Magen getauscht.

Die Welt fordert! Mal mit erbarmungsloser Kälte (heulend im Bett gelegen), mal mit unaufhörlichen Regen (Klamotten, die tagelang nicht trocknen), mal mit brüllender Hitze (bei 40 Grad 240 Kilo aus dem Sand schieben), mal mit erdrückender Enge (mit zehn Peruanern im Kleinwagen), mit schwindelerregender Höhe (wenn der Kopf auf 5000 Metern fast platzt), mit brennenden Füßen und schmerzendem Rücken (weil man den gleichen Rucksack schon seit einer Woche trägt). So viel zu den körperlichen Strapazen.

Auch die Seele muss standhalten: Immer ein Dutzend Leute fragen, um eine richtige Auskunft zu bekommen. Immer wieder Hokus Pokus hören. Sich ständig erklären müssen. Jedes Mal aufstehen, wenn man gefallen ist. Immer (!) auf seine sieben Sachen aufpassen. Hoffen, dass es nichts Schlimmes mit dem Motorrad ist. Dass der Bus noch rechtzeitig zurück auf seine Spur ziehen wird. Immer wieder den Müll sehen (und riechen), die elenden Baracken, die Bettler und die Heimatlosen. Man kann versuchen, sie zu ignorieren. Und sie so behandeln, als ob sie keine Menschen wären. Oder man kann in Ohnmacht verfallen.

Ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd

Versteht mich nicht falsch, ich möchte mich wirklich nicht beschweren. Schließlich habe ich mich ja selbst für dieses Leben entschieden. Und es gibt noch viel, viel mehr absolut großartige Dinge, die ich jeden Tag auf dieser Reise erlebe. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, aber ich werde dies sicher noch an anderen Stellen tun.

Ich möchte nur erklären, wieso ich mich manchmal auch ausgelaugt fühle und dann auch dieses Gefühl aufkommt: Ich habe Heimweh. Aber nicht das klassische “sich-nach-der-vertrauten-Heimat-sehnen”. Ich vermisse dieses Zuhause nicht, sondern das Gefühl, EIN Zuhause zu haben. Wo auch immer dies sein mag. Ich weiß es ja selbst noch nicht!

Trotzdem wünsche mir, wieder an einen Ort zu kommen, wo ich mich nicht erst zurechtfinden muss. Weil ich die Wege kenne. Zu wissen, wie die Dinge laufen. Und durchatmen zu können: auf meinem Sofa, das nur mir gehört.

Es gibt da außerdem noch einen anderen Wunsch, der eigentlich immer fern war. Aktuell wird er jedoch schlimmer, besonders wenn ich andere mit ihnen sehe: Kinder. Obwohl ich mein Leben – genau so wie es ist – abgöttisch liebe. Anstatt mich diesem restlos hinzugeben, erwische ich mich beim Träumen. Von einer Familie und der Sesshaftigkeit. Zumindest gelegentlich.

Die Sache mit dem Gras

Da ist es also: das verflixte Gras auf der anderen Seite. Sattgrün. Immer wieder fühle ich mich schuldig, wenn ich rüberschaue, da es hier, wo ich gerade stehe, nicht aufregender sein könnte. Und auch Moe gehe ich damit schon auf die Nerven, möchte er von alledem doch noch gar nichts wissen!

Doch es sieht im Vergleich zu den heftigen Winden, die hier wehen, so schön ruhig aus. So komfortabel.

Es ist eben eine dieser blöden Angewohnheiten von Menschen, häufig das zu wollen, was man gerade nicht hat. Oder alles gleichzeitig haben zu wollen. Wenn ich jedoch ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, dass ich es bereuen würde, dieses Vagabunden-Leben aufzugeben. Nein, ich würde es ungern tauschen wollen gegen die tödliche Routine, die Melancholie des Alltags. Dem Sitzen hinter’m Schreibtisch, dem Warten auf das Wochenende, bestenfalls noch dem Träumen von Urlauben, wo ich in zwei Wochen möglichst viel abarbeiten muss. Wo alles so unangenehm vorhersehbar ist. Wo es keine Geheimnisse und keine Überraschungen gibt. Nichts, was mich daran erinnert, wie wunderVOLL dieses Leben ist. Hier und jetzt.

Es ist einfach noch nicht an der Zeit. Also übe ich mich darin, stets den Moment zu genießen, mich mit der Vorfreude – unbestreitbar eine der schönsten Freuden – anzufreunden und stelle mir ab und zu die Frage, ab wie vielen Jahren man ein Kind eigentlich in einen Beiwagen setzen kann…

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19 Comments

  1. Thomas Brathge

    Hallo Nicki, diese Gefühle habe ich auch manchmal. Nach nur 2 Monaten reisen. Hast du Klasse beschrieben. Übrigens: ein Freund von mir hat seine Tochter bereits mit einem Jahr im Beiwagen mit auf längere reisen genommen. Es geht alles wennan nur will 😉. Und dann hättet ihr auch Mal ein richtiges Motorrad mit drei Rädern 😀 .
    Gruß Thomas

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    • Nathalie

      Toll geschrieben.
      Das verstehen vermutlich nur Menschen, die selbst schon auf langen Reisen waren. Wir waren über ein Jahr mit unseren Kindern im Wohnmobil unterwegs. Seit dem Frühling sind wir jetzt in Ungarn, wo wir uns eine Base geschaffen haben. Alles hat Vor- und Nachteile. Das Reisen wird uns unser Leben lang begleiten und im Herbst/Winter gehts wieder los. Aber wir wissen jetzt dass wir jederzeit hierher zurückkommen können und das beruhigt ungemein. Euch alles Gute noch auf Eurer Reise und auch mit Kindern ist alles möglich. 🙂

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      • Nicki

        Vielen Dank, wir wünschen euch auch alles Gute und viele glückliche Momente im neuen Zuhause. Schön, dass die Reisen noch lange nicht bei euch zu Ende sind. Das Abenteuer “Reisen mit Kind” heben wir uns noch für etwas später auf :). Aber schön zu hören, dass es bei so vielen so gut klappt!

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    • Nicki

      Hahaha… Ich bin ja noch nie ein Gespann gefahren, würde es aber sehr gerne mal ausprobieren. Solange es noch keinen Nachwuchs gibt, kann man da ja auch andere Dinge wie beispielsweise einen Hund oder einen Kasten Bier reinsetzen. Sehr praktisch 😀

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  2. Judith

    Liebe Nicki
    Sehr schön geschrieben….und gut nachvollziehbar. Eigentlich sind das umgekehrte Gefühle von Fernweh.
    Die Sehnsucht nach einem Kind verstehe ich, aber Eltern sein läuft nicht davon. Hast du einmal ein Kind, ist die Schwerelosigkeit für immer vorbei, weil das Verantwortungsgefühl schwerer wiegt als man sich das als junger Mensch vorstellt. Das Eltern sein hat seine romatische Seite wie das Vagabundenleben……aber auch dort ist der Alltag sehr oft stressig und viele junge Eltern träumen von der Freiheit was auch deren Beziehung belasten kann. Was du beschrieben hast ist Reisealltag der eben auch zeitweise sehr stressig ist….aber das könnt ihr jederzeit ändern….Kinderliebe mit allem Drum und Dran bleibt bis ans Ende unseres Lebens.
    Ich wünsche euch noch eine spannende Vagabundenzeit und viel Glück….Pausen nicht vergessen.
    Liebs Grüessli Judith

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  3. Christiane Kahveci

    Liebe Nicki,
    wunderbar offen und sehr gut nachvollziehbar, wie du deine Gefühle beschreibst. Und ich finde es auch gar nicht widersprüchlich, sich in einem so anstrengenden und unvorhersehbaren Alltag Beständigkeit und etwas Komfort zu wünschen. Und dass man sich oft nach dem sehnt, was man gerade nicht hat, das kenne ich gut. Aber das heißt ja nicht gleich, dass man mit dem aufhören muß, was man gerade macht. Jetzt ist eure Zeit zum Reisen und wenn das andere wichtig wird, dann werdet ihr das schon merken.
    Ich freue mich auf noch ganz viele tolle Reiseberichte und das sage ich auch wenn ich gerne Oma wäre. 😉😘 Ganz liebe Grüße von Christiane

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    • Nicki

      Ich hätte nicht erwartet, dass ich solch schöne Antworten bekomme. Das freut mich wirklich sehr!
      Du hast vollkommen Recht: Jetzt ist unsere Zeit zum Reisen! Und immer wenn es wieder etwas schwieriger wird, dann lese ich mir einfach diese Zeilen noch mal durch 🙂
      Liebste Grüße zurück!

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  4. Valle

    Vielen Dank für den Einblick in deine Gefühlslage. So ehrlich gehen die Wenigsten in der Öffentlichkeit mit dem Thema um und dennoch betrifft es alle. Reisen ist unfassbar anstrengend, vor allem in den Regionen, in denen ihr unterwegs seid. Die Kraft, die ihr täglich immer wieder aufbringen müsst, ist für die meisten Menschen nicht mal ansatzweise nachvollziehbar, sieht man doch nur die tollen Bilder eines „langen Urlaubs in Freiheit“. Dabei ist das Verlassen der Komfortzone oft viel anstrengender als ein fester Job.

    Der Mensch neigt generell dazu ein Verlangen für Dinge zu entwickeln, über die er aktuell nicht verfügt. Meist handelt es sich dabei um materielle Sachen. Ist man aber ehrlich zu sich selbst und erhält gerade durch eine wie von euch erlebte Reise einen tieferen Einblick in das Leben am anderen Ende der Welt, freut man sich wie ein Kind zu Weihnachten über die eigenen vier Wände und ein warmes Bett. Ich glaube die Mischung aus alldem was du in deinem Artikel beschreibst könnte die beste Lösung sein. Familie, ein Zuhause und die regelmäßige Flucht in ein neues Abenteuer.

    Ich hoffe, dass euch viele positive Nachrichten und Kommentare von uns Fans immer wieder neuen Antrieb geben mit dem weiter zu machen, was für EUCH das beste ist. Egal ob Motorrad fahren, sesshaft werden oder eine Familie gründen. Ich bleibe euch als Leser treu.

    Beste Grüße aus Norwegen,
    Valle

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    • Nicki

      Vielen Dank für die lieben Worte. Es hilft ungemein, wenn man nach so einer Offenbarung so viele schöne Kommentare bekommt 😉 und es hilft auch, zu wissen, dass wir nicht die Einzigen sind, die uns manchmal so fühlen.
      Es ist noch ein langer Weg, bis wir ankommen werden und bis dahin werde ich mein Bestes geben, es in vollsten Zügen genießen. Dir auch noch eine gute Reise und bis bald!

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  5. Dina & Helge

    Liebe Nicki,
    Deine Gefühle und Gedanken können wir nachvollziehen. Du / Ihr werdet merken wenn es heisst andere Wege einzuschlagen. Bis dahin Euch schöne Eindrücke und bleibt Gesund, wir verfolgen Eure Reise und freuen uns auf ein Wiedersehen.
    Liebe Grüße aus Salta
    Dina & Helge

    Reply
  6. Tenere-wue

    Servus, gut geschrieben.Ich bin seit 20Jahren unterwegs, nein nicht permanent sondern Etappenweise Mir ging es ebenso. Irgendwann hat man alles gesehen, der Reisealltag, das fast tägliche suchen nach einem Zeltplatz/Übernachtung geht einem irgendwann tierisch auf den Sack. Und seit ich verheiratet bin ist alles noch schlimmer geworden. Ich reise aber immer noch, nicht wegen der Landschaft sondern der Menschen wegen. Meine letzte Reise ist nun 2 Monate her und der Punkt sesshaft zu werden ist erreicht. Mein neues Abenteuer hat gerade begonnen. Ich höre auf mein Herz und meine Frau. Grüße Thomas,…. noch in D und bald wieder weg.

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    • Nicki

      Viele Grüße nach Deutschland und dir dann bald wieder eine gute Reise! Wenn Menschen dein Reise-Antrieb sind, dann können wir dir Kolumbien an’s Herz legen. Es gibt ganz klasse Leute hier, die wunderbar herzlich und neugierig sind 😉

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  7. Jonas

    Wo nur Schönheit ist, verliert die Schönheit ihren Wert.

    Reply
  8. Marc

    Respekt, Nicki. Gut ausgedrückt und sehr nachvollziehbar für uns Büro- und Sofamenschen mit zwei (fast) erwachsenen Kindern!

    Alles wird gut. Und alles ist gut.

    Herzliche Grüße
    Marc (Tigerforum)

    Reply
  9. Nicki

    Hallo Marc,
    wie schön, hier auch mal von anderen Tigertreibern zu lesen.
    Danke, du hast Recht: alles ist gut so, wie es ist.
    Viele Grüße an die Familie 🙂

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  10. Kay

    Hi Nicki,

    das hast du schön und vor allem ehrlich geschrieben, uns geht es manchmal ähnlich, und wir sind erst 2 Monate weg. Gerade gestern haben wir auch über den Kinderwunsch gesprochen… Seit 5 Wochen sind wir `sesshaft`bei guten Freunden in Skopje. Es ist eine sehr schöne Zeit hier, aber ich freue mich wenn es in zwei Tagen endlich weitergeht.
    Beides hat seine schönen Seiten, ich denke wie auch immer wir reisen oder sesshaft leben, wir werden immer hin- und hergerissen sein zwischen beiden Welten. Alles Gute weiterhin, eine aufregende und sichere Reise, wir sehen uns -irgendwo, irgendwann-

    Mae, Kay & H1

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  11. DerFranz

    Sehr schöne Beschreibung deiner Gefühlslage. Das Motorrad war bisher neben der weltbesten Sozia und unseren Kindern stets ein weiteres Familienmitglied, wobei die Reisen damit bis auf wirkliche Kurztrips eingeschlafen sind – ich wollte nie ein Gespann und so arbeitet sich die Sprint, nachdem mein Großer YZF R 125 fährt und unser “Kleiner” in zwei Jahren die Kiste übernehmen wird, sich langsam wieder die Plätze nach vorne.
    Aber es ist klar, es gibt für alles eine Zeit und für Kinder ist sie immer falsch – oder immer richtig.
    Mein Schwiegervater hatte meine Angetraute mit 21 – kam durch mich, als ich meine Frau kennenlernte, zum Motorradfahren und fährt mittlerweile zwanzig Jahre begeistert Touren – hauptsächlich eben im Alpenraum.
    Wir hatten unsere Kids mit Anfang 30 – ich bin froh, nicht länger gewartet zu haben, die Touren mit meinem großen Sohn machen Riesenspass und ich freue mich schon drauf, zu viert unterwegs zu sein ohne zuviel Boden auf die Jungs zu verlieren 😉
    Euch beiden weiterhin alles gute auf Eurer Reise

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  12. Georg

    Hallo ihr zwei,
    Ich entdecke gerade eure Webseite. Dieser Post spricht mir auch aus dem Herzen. Ich bin seit 4 Monaten auf Tour mit meiner KTM. Einmal quer durch Kanada und nun geht es in Richtung Süden. Aktuell bin ich in San Francisco.

    Auch ich hatte schon diese Momente, wo ich am liebsten den nächsten Flieger in die Heimat genommen hätte. Aber es geht immer weiter und oft lernt man in den schwierigsten Situationen die besten Menschen kennen.

    Vielleicht sehen wir uns ja unterwegs. Ihr könnt mir ja mal eure grobe Reiseroute für die nächsten Monate mailen.

    Viele Grüße
    Georg

    Reply
    • Nicki

      Hi Georg!

      Mensch – cool, dass du dich meldest! Noch so ein Fernwehler 🙂
      Bin beeindruckt von deinen mechanischen Fähigkeiten als Nicht-Mechaniker. Gut, dass die Reise nun für dich weitergeht. Wo ein Wille ist, ist auch ein laufendes Motorrad 😀 !

      Wir hängen gerade in Kolumbien, wo wir noch bis Ende des Jahres bleiben, bevor wir mit dem Segelschiff erst nach Kuba und dann nach Mexiko fahren. Wir kommen Mitte Februar auf der Isla Mujeres an. Wenn du dir also noch ein bisschen Zeit auf dem Weg gen Süden lässt, sollte einem Treffen nichts entgegenstehen. Würde uns sehr freuen. Ich hab dich schon mal abonniert und werde folgen 😉

      P.S. schöner Blog!
      Viele Grüße

      Reply

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