von | 18. Sep 2019 | 0 Kommentare

Ach, Peru!

Während ich diesen Eintrag schreibe, frage ich mich nur eines: Wie? Wie bloß soll ich den alltäglichen Wahnsinn, das Staunen, die Unfassbarkeit dieses Landes beschreiben. Es ist schwierig, alle Facetten der fünf Monate in Peru in drei Blogeinträgen zu beschreiben, wenn ich doch gleich ein ganzes Buch damit füllen könnte. Vorausgesetzt, ich würde die passenden Worte finden.  Doch an dieser Stelle müssen ein paar kurze Geschichten und ein paar Bilder reichen, uns ist nämlich eine Speicherkarte abhanden gekommen…

Am Straßenrand wollen wir ein Foto von uns beiden aufnehmen und stellen die Kamera mit Selbstauslöser auf. Das nächste TukTuk hält an und ich kann gerade noch hinrennen, bevor eine Frau unsere Kamera mitnimmt!

Spät dran

Doch zurück nach Nordperu, wo wir Marco besuchen wollen. Vor zwei Monaten hatte uns der 70-Jährige eingeladen, zum Dorf-Fest nach Yungay zurückzukehren. Wir sind spät dran, da uns die Fahrt durch die hohen Berge viel Zeit gekostet hat.

Eines Abends stehen wir schließlich vor dem Kiosk, in dem sich Marco jeden Abend die Nachrichten im Fernsehen anschaut. Wir setzen uns zu ihm an den Tisch und sehen die Überraschung in seinem Gesicht. Er hatte nicht mehr mit uns gerechnet. Die Freude ist riesig und es ist schön, wieder hier zu sein.

Ein Grunzen neben dem Zelt

Das besagte Fest in Yungay haben wir leider verpasst, aber in drei Wochen gibt es ein anderes in Rayan, weiter oben in den Bergen. Dass wir jetzt bei Marco unterkommen, ist natürlich Ehrensache! Der Tiger sowie unser Zelt landen in Marcos Vorgarten. Wir teilen uns eine kleine Fläche mit Daniel, dem schwarzen Hausschwein.

Marco lebt einsam und bescheiden, seit ihn seine Frau verlassen hat und mit dem Rest der Familie nach Lima gegangen ist. Seine Hütte besteht aus zwei Räumen, in denen jeweils ein winziges Bett und eine Kommode stehen. Dusche und Kloschüssel stehen draußen im Garten. Marcos kostbarster Besitz: ein kleines Radio. Sein altes Handy wurde ihm letztens geklaut, weil er es draußen auf dem Esstisch liegen gelassen hatte. Auch der kleine Hund, den er mal besaß, wurde eines Tages einfach mitgenommen. Nichtsdestotrotz ist Marco sehr stolz auf seine Heimat und zeigt uns natürlich alles, was Yungay so zu bieten hat.

Jeden Morgen bereitet er uns ein leckeres Frühstück mit frischen Brötchen vom Markt, Avocados aus dem Garten und regionalem Wildhonig zu. Wir laden ihn im Gegenzug zum täglichen Abendessen ein. Gemeinsam verbringen wir viele schöne Stunden und quatschen über Gott und die Welt. Ach, Peru!

Wiedersehen mit Freunden

Es geht weiter nach Huaraz. Hier treffen wir uns mit Antonia, Iv und Matilda aus Berlin, die wir zuvor in Peru kennengelernt haben. Es ist eine sehr herzliche Wiedervereinigung und die Tage gehen viel zu schnell mit Ausflügen, Spieleabenden und guten Gesprächen vorbei. Die 11-jährige Antonia setzt sich sogar den Motorradhelm auf und fährt mit Moe einmal durch die Berge. Ich genieße derweil einen Tag unter Frauen. Der Abschied fällt wirklich schwer, aber bald sehen wir uns bestimmt wieder…

Und dann ist es wieder an der Zeit für Abenteuer: Wir gehen auf Fernwanderung in der Cordillera Huayhuash. Die Geschichten und Bilder gibt es im nächsten Blogeintrag.

Hector hat nicht nur ein total ansteckendes Lachen, er passt auch auf den Tiger auf, während wir auf Wanderung gehen

Gerade rechtzeitig schaffen wir es nach acht Tagen Wandern spät abends zurück zu Marco, um am nächsten Morgen zum Dorffest in Rayan aufzubrechen. Marco freut sich dermaßen über unsere rechtzeitige Rückkehr, ich glaube, er hatte schon wieder nicht mehr daran geglaubt. Wir mögen wohl immer etwas spät dran sein  – aber: wir kommen!

Auf Kuschelkurs

Dann ist es so weit, das Fest in Rayan beginnt. Allein schon die Taxifahrt in das abgelegene Dorf ist ein Highlight. Auf einer abenteuerlichen Straße geht es hoch in die Berge. Und da heute alle aus der Umgebung zusammenkommen, wird jeder mitgenommen, der am Straßenrand steht. Es wird vollgequetscht, bis nichts mehr geht. Zehn Menschen in einem Kleinwagen, ein neuer Rekord! Berührungsängste sind hier Fehl am Platz.

Die Straße ist mittlerweile vollkommen verstopft, denn Anderen die Durchfahrt zu gewähren ist nicht angesagt. Sobald eine Lücke frei ist, wird diese sofort besetzt. Für zwanzig Kilometer brauchen wir um die zwei Stunden, denn ständig muss jemand überredet werden, etwas Platz zu machen. Gefühlte Temperatur im Auto: 50 Grad.

Im Schatten des Huascarán

Oben angekommen gibt es eine Prozession und ein großes, kostenloses Mittagessen für alle! Und da lassen sich die Peruaner nicht lumpen. An diesem besonderen Tag gibt es natürlich die Spezialität: Meerschweinchen, serviert aus riesigen Töpfen. Moe knabbert die Knochen so gut es geht ab, trotzdem ist die Omi neben uns noch nicht zufrieden: “Da ist ja noch was dran”, verkündet sie, während sie Moe die letzten Knochen vom Teller mopst.

Heute werden alle satt
Eine Seltenheit in Peru: Männer mit Bart

Wir sind die einzigen Gringos weit und breit und das fällt natürlich auf. Es werden einige Fotos mit uns gemacht und getanzt wird natürlich auch. Sich davor zu drücken ist unmöglich, denn es steht wirklich niemand still – egal, wie jung oder alt! Man rockt sogar mit Kindern im Tragetuch auf dem Rücken ab. Ach, Peru!

Die Vorbereitungen für ein Feuerwerk laufen den ganzen Tag
Te amo, Perú!
Auch Marco schwingt das Tanzbein
Jeder Hut ist Handarbeit
Wer keinen Hut hat, nimmt eben etwas anderes
Tradition trifft auf Moderne
Vom Festplatz haben wir freien Blick auf den Huascaran, Perus höchsten Berg mit sagenhaften 6.768 Metern
Peruansiche Andenmusik bis spät in die Nacht

Wir sind hundemüde, als wir uns auf den Heimweg machen. Da kommt es gelegen, dass Marco uns vorschlägt, in seinem Bett zu schlafen, anstatt das Zelt noch aufzubauen.

Neue Reisebegleiter

An nächsten Tag verabschieden wir uns schweren Herzens von Marco und fahren nach Caraz, von wo aus wir zur Laguna Paron aufbrechen wollen.

Doch es kommt mal wieder anders als geplant, als mich plötzlich ein schrecklicher Juckreiz quält und ich daraufhin hunderte Bisse an Rücken, Armen und Beinen entdecke. Scheiße, jetzt haben sie uns erwischt: Bettwanzen.

Diese fiesen, kleinen Viecher sind sehr verbreitet in Südamerika und bekannt dafür, extrem hartnäckig zu sein. Wir haben jedes Bett immer genaustens danach abgesucht. Nur eben dieses eine Mal nicht… Ach, Peru!

Am besten sollte man sofort alle Klamotten extrem heiß waschen – hier ein Ding der Unmöglichkeit, denn selbst in der Wäscheri laufen die Maschinen mit kaltem Wasser. Das Problem lässt sich nur mit konzentrierter Chemie lösen und es wäre wohl untertrieben zu sagen, dass diese Pestizide die Hölle sind. Immerhin bekommen wir die Plage damit in den Griff.

Ganz hoch oben

Nach diesem Kleinkampf kann die Reise weitergehen. Wir fahren über eine fiese Schotterstraße zur Laguna Paron, einem unverschämt türkis-strahlenden See mit dem “schönsten Berg der Welt” im Hintergrund. Diesen Titel bekam der Alpamayo wegen seiner Form schon 1966 verliehen, später wurde er zum Logo der Paramount Pictures. Ach, Peru!

Hier das Zelt aufzuschlagen – das hört sich doch wahnsinnig romantisch an! Es ist jedoch so windig und kalt hier oben, dass wir uns alle unsere Klamotten, inklusive der Motorradkombis, anziehen müssen. Wie die Michelin-Männchen sitzen wir am Lagerfeuer und sind trotzdem durchgefroren.

Gen Norden

Es geht wieder zurück durch die spektakulären Straßen der Berge im Norden Perus. Wie schon im letzten Beitrag beschrieben, ist das echt anstrengend, aber auch sehr belohnend.

Ganz normale Straßen in Peru
In Cajamarca treffen wir uns mal wieder mit ganz wunderbaren Menschen. Heike und Toshi (links) reisen in einem Gespann, Nigel (Mitte) ist auf einer BMW unterwegs ist. Stundenlang tauschen wir uns über die besten Strecken aus.

Ein denkwürdiger Abschied

Doch auch die letzten Tage in Peru können natürlich nicht ganz glimpflich ablaufen. Zum Abschied hält dieses Land noch einen ganz besonderen Spaß für uns bereit.

Man muss dazu sagen, dass es nun wirklich unsere Schuld ist. Seit Monaten funktioniert das GPS auf unserem Handy nicht mehr. Wir fahren daher nur nach Karte und kommen meistens auch an unser Ziel.

Nur das eine Mal schaffen wir es, auf die falsche der beiden Straßen zu gelangen und merken dies erst 50 Kilometer zu spät. “Ich glaube, wir müssen alles wieder zurückfahren – oder warte mal, ich glaube, auf der Karte gibt es eine Abkürzung…” Worte, die ich später noch bereuen werde.

Umkehren wäre auch eine Option

Ihr ahnt es schon: Eine “Abkürzung” in Peru zu nehmen, ist grundsätzlich eine schlechte Idee. Doch irgendwie schafft Moe es mal wieder, mich davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist. “Jetzt umzudrehen dauert mit Sicherheit länger. Die 28 Kilometer werden wir schon schaffen”

Nun ja, es werden seeeeehr lange 28 Kilometer. Denn die anfangs noch ganz passable Straße entwickelt sich zunehmend zu einem matschigen Feldweg. Ich frage Moe drei Mal, ob wir nicht doch besser umkehren sollten. Er bleibt hoffnungslos optimistisch.

Noch harmlos: Das erste Stück täuscht

Hilfe, wenn man sie braucht

Der Matsch, die dicken Steine, viele Wasserüberquerungen – auf einer leichten Maschine ohne Gepäck wäre das schon anspruchsvoll. Immer wieder muss ich absteigen und das Mopped stützen. Ein Mann auf einem kleinen Motorrad ist offensichtlich verwirrt darüber, uns hier zu sehen. Sicherlich war noch nie jemand so bekloppt, diese “Straße” zu nehmen. Spontan beschließt er, uns eine Weile zu begleiten. Er wartet und packt bei den schwierigsten Stellen mit an. Was für ein Engel!

Als er schließlich sein Ziel erreicht, muss es alleine für uns weitergehen. Er wünscht uns noch viel suerte, also Glück. Besser wird es aber nicht.

Schlimmer geht’s immer

Uns läuft der Schweiß, dazu kommt die Angst vor der bald eintreffenden Dunkelheit. Wir halten Ausschau nach einem Platz, wo wir unser Zelt aufschlagen können. Bei den Steigungen ist das jedoch nicht möglich. Obwohl Moe schon völlig am Ende ist, übertrifft die Straße sich in Sachen Schwierigkeitsgrad kontinuierlich selbst. Ich verkneife mir besser das “hättest du mal lieber auf mich gehört”, denn ich glaube, dass es nicht unbedingt zur Stimmung beiträgt.

Viele Fotos von der Straße gibt es leider nicht, wir waren anderweitig beschäftigt
“Gleich wird es bestimmt besser”

Zwei Mal legen wir uns, sind aber wohlauf. Es dämmert schon, als Moe den Tiger die letzten Meter runterbringt. Dreieinhalb Stunden, einige “ach-du-Scheißes” und viel Kraft hat uns diese “Abkürzung” gekostet. Wann werden wir endlich mal vernünftig?

Nicht aufgepasst

Selten haben wir uns so sehr über Asphalt gefreut. Jetzt wird alles gut! Wir haben beide die Schnauze gestrichen voll und wollen nur noch schnell in eine Unterkunft.

Doch dann kommt eine dieser Wasserüberquerungen in einem Betonbett und Moe fährt viel zu schnell darüber. Während ich mir noch denke, dass das nicht gut ausgeht, reißt es uns noch einmal voll auf die Seite. Wir liegen auf dem Boden und schauen dem Tiger hinterher, der in Kreisen wegschlittert.

Der erste Gedanke: Hoffentlich ist alles mit dem Motorrad in Ordnung! Wir rennen beide sofort zu unserem Sorgenkind und erkundigen uns erst später, ob auch beim Anderen alles ok ist.

Es ist ein kleines Wunder. Wir haben nicht einen blauen Fleck und auch der Tiger hat den Flug überraschend gut weggesteckt. Einzig der Handprotektor hat etwas gelitten. Das hätte auch ganz anders ausgehen können…

Vatertag

Irgendwie müssen wir die Zeit mit etwas Positivem beenden. Also verabreden wir uns mit Gian von Couchsurfing, der uns spontan einem Familientreffen am Vatertag einlädt. Es ist mal wieder ganz wundervoll, die peruanische Gastfreundschaft zu erleben und – wie selbstverständlich – aufgenommen zu werden.

Zu späterer Stunde fließt wieder reichlich Alkohol und wir müssen mit Gians Vater mehrmals darauf anstoßen, dass wir zukünftig auch ein Papa und eine Mama sein werden. Familie hat hier eben einen großen Stellenwert.

Danke, Gian!
Der peruanische Nackthund fühlt sich so an, wie er aussieht. Gruselig!

Ach, Peru! Eins ist sicher: du wirst uns in Erinnerung bleiben!

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