So weit, so gut: Kolumbien

Wir haben es geschafft: Nach 19 Monaten sind wir im Norden Südamerikas angekommen. Wir sind in Kolumbien. Ein Land, auf das wir uns besonders gefreut haben. Denn von anderen Reisenden haben wir viele positive Worte über die freundliche und neugierige Mentalität der Kolumbianer gehört. Und es stimmt: Die Menschen sind sehr extrovertiert und heißen uns in ihrem Land willkommen. Ein schönes Gefühl.

Kolumbien ist ein Land der Zweiräder. In keiner anderen Nation haben wir auf der Straße so viele Motos und Fahrräder gesehen. Bei dem langsamen Verkehr hier ist das aber auch verständlich. Auf zwei Rädern kommt man deutlich schneller voran.

Hier ist der Verkehr zwar langsam, gleichzeitig aber auch wieder chaotischer. Man muss deswegen besonders wachsam sein – es hat aber auch Vorteile, wenn es völlig normal ist, sich durchzuschlängeln, andere Verkehrsteilnehmer von rechts zu überholen, oder sich bei einer der zahlreichen Baustellen einfach vorbeizumogeln. Besonders, weil wir in in unseren Motorradkombis nicht selten dahinschmelzen, wenn es mal wieder nicht voran geht. Aber uns über zu gutes Wetter beschweren – das wollen wir nun wirklich nicht!

Es ist größtenteils sehr grün und bergig. Wenn die Hauptstraßen nur nicht so stark befahren wären und wir die Kurven genießen könnten, anstatt einen LKW nach dem nächsten zu überholen – es wäre ein absoluter Traum! Wann immer es geht weichen wir daher auf Nebenstraßen aus. Diese sind zwar weniger befahren, doch die Qualität ist schwankend.

Zudem bekommt man auf den Straßen immer wieder kuriose Dinge zu sehen. Beispielsweise Fahrradfahrer, die sich den Berg hochziehen lassen, indem sie sich hinten an LKW hängen oder die Hand von Soziusfahrern auf Moppeds greifen. Oder den Bananentransport, wobei riesige Stauden an beiden Seiten eines Moppeds überhängen. Oder eben die üblichen fünf Personen auf einem Roller – aber dieser Anblick ist für uns schon völlig normal geworden.

Und was man hier auch sieht: Viele schöne Frauen. Die Kolumbianerinnen sind selbstbewusste Frauen, die nicht mit ihren Reizen geizen. Auch die, die etwas unattraktiver sind, finden sich nicht minder schön. Frau zeigt, was sie hat und Mann gibt offen kund, ob er das gut findet. Mir persönlich sind die schamlosen Blicke und Nachrufe eher unangenehm. Vor allem, wenn ich mal alleine unterwegs bin. Ich kann mir vorstellen, dass das auf Dauer ganz schön anstrengend sein kann.

Zuerst besuchen wir die Santuario de Las Lajas. Die Wallfahrtskirche befindet sich in der Schlucht des Río Guáitara auf einer 50 Meter hohen Brücke.
Der neogotische Stil gefällt uns sehr. Abends wird die Kirche mit bunten Farben beleuchtet.
Das heutige Gebäude wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut

Die Grenze Kolumbiens ist bisher die chaotischste von allen, die wir bisher übertreten haben. Das liegt vor allem daran, dass hier viele Venezolaner weiter in den Süden wollen. Im ganzen Land sieht man sie mit ihrem Hab und Gut, das sich in einer einzigen Tasche verstauen lässt. Sie springen hinten auf LKW oder laufen die Straße entlang.

Die einfache Tatsache, dass wir im “richtigen Land” geboren sind, gibt uns einen Sonderstatus an der Grenze. Wir dürfen vorbei an den Massen von Einzelschicksalen, denen alles genommen wurde. Weil unser Pass uns das ermöglicht, müssen wir hier nicht in einem Zelt campieren. Ungerechte Welt.

Und dann gibt es da noch eine Sache, die sich mit dem Übertritt nach Kolumbien plötzlich verändert: das Sicherheitsgefühl. Natürlich ist dieses immer eine subjektive Sache und auch, wenn uns noch nichts Schlechtes hier passiert ist, müssen zum ersten Mal auf unserer Reise durch Südamerika genauer schauen, wo wir entlangfahren.

Über kein anderes Land haben wir so oft von Überfällen gehört (wohlgemerkt aus erster Hand). Dass es zum Alltag gehört, Sicherheitsmenschen und Soldaten mit schweren Gewehren an allen Ecken zu sehen, trägt nicht dazu bei, dass wir uns sicherer fühlen. Ganz im Gegenteil. Wir waren noch nie übervorsichtig, doch hier machen wir uns nun öfters Gedanken darüber, was wir mitnehmen, wenn wir abends durch die Großstadt laufen, ob das Motorrad auch wirklich sicher steht oder wir im Dunkeln nicht besser mit einem Taxi fahren.

Der erste längere Stop unserer Reise führt uns in das kleine Örtchen Silvia (danke liebe Iv für deine Empfehlung!). Hier schlagen wir unser Zelt an einem sehr idyllischen Ort auf, wo wir tolle andere weltoffene Menschen treffen und viele gemeinsame Abende mit gutem Essen verbringen. Ein besonders schönes Erlebnis ist der wöchentliche Markt, wo die Indigenen aus der Umgebung ihre Waren anpreisen. Außerdem gehen wir wandern und reiten durch die wundervollen, grünen Berge. Mensch, ist das schön hier!

Wieder Empfehlungen anderer Reisender folgend, landen wir daraufhin in Jericó und Jardín. Zwei ganz bezaubernde Orte mit bunten Häußchen, charmanten Marktplätzen und schnuckeligen Cafés. Wir freuen uns besonders über die Liebe zum Detail, die Außenfassade und Inneneinrichtung hier besitzen, haben wir in den letzten Monaten doch eher selten so ästhetische Gebäude gesehen. Oftmals wird eben nicht viel Wert auf Gemütlichkeit, sondern auf Funktionalität gelegt.

Wir haben Fidel Castro entdeckt
Alles bunt in Jardin
Der Marktplatz hat besonderen Charme
Wir wandern durch Kaffee- und Bananenplantagen
Hier findet das Leben auf der Straße statt

In Jericó landen wir auf der Suche nach einem Schlafplatz bei Paraglidern. Wir dürfen unser Zelt direkt auf der Wiese am Hang aufstellen, von wo aus die Flieger den Berg herunterspringen. Der Ausblick ist der atemberaubend. Was für ein wahnsinnig schöner Ort.

Wer braucht denn schon ein Hotel, wenn man hier eine 5-Sterne Aussicht geschenkt bekommt?
Thomas ist ein verspielter Kollege und möchte Steine geworfen bekommen, die er dann in seiner Schnauze behält
Wir spielen den ganzen Tag mit den Hunden
Ob wir hier nicht auch mal runterhüpfen sollten?

Wir kommen mit dem Besitzer in’s Gespräch und fragen nach, was ein Tandemflug kostet. Moe wollte das schon immer machen und so einen schönen Ort finden wir wahrscheinlich kein zweites Mal. Zudem sind die Preise hier auch wirklich günstig. Moe hat sich schnell entschieden: “Wenn nicht hier, wo dann?” Und dann fragt er mich: “Machst du mit?”

Ich habe ein bisschen Schiss, jedoch gleichzeitig die Befürchtung, dass ich es schrecklich bereuen würde, diese Chance nicht genutzt zu haben. Am nächsten Tag muss ich mich entscheiden und sage ja. Dann geht alles plötzlich so schnell, dass ich zum Glück keine Zeit mehr habe, mir Gedanken zu machen. Moe ist gerade abgesprungen, da heißt es auch für mich, die Gurte anzulegen und auf den Abhang zuzurennen.

Ehe ich mich versehe, bin ich schon in der Luft und absolut begeistert. Obwohl mir das Herz bis zum Hals schlägt, bin ich total eingenommen vom Ausblick. Wir gleiten mit dem Wind in’s Tal hinunter- der absolute Hammer! Knappe 25 Minuten fliegen wir, bis wir schließlich auf einem Fußballfeld landen. Ich bin überwältigt von allen Gefühlen, voll auf Adrenalin und will sofort noch ein Mal fliegen.

Moe erwartet mich total gelassen. Er gibt zu, dass es für ihn zwar schön, jedoch nicht besonders aufregend war. Ich weiß wirklich nicht, was Moe erleben muss, damit sein Puls mal höher schlägt. So tiefenentspannt, der Mann!

Was jedenfalls mein Herz auch höher schlagen lässt, sind die zahlreichen, bunten Vögel, die uns in Jardin neben dem Zelt besuchen kommen. Stundenlang beobachten wir, wie sie sich das Obst zu Schnabel führen.

Nom, nom, nom…
Tucaneta Esmeralda
Barranquero
Gallito de roca
Carriqui de montaña
Den Namen dieses Kollegen kennen wir leider nicht

Leider müssen wir dann jedoch die idyllischen, kleinen Dörfer verlassen, um in die Großstadt zu fahren. Es ist mal wieder an der Zeit für einen Service am Tiger und wir haben gelernt, dass man sowas besser früher als später erledigt.

In Medellín finden wir eine passende Werkstatt. Die Jungs haben früher selbst für Triumph gearbeitet und ihre eigene Werkstatt eröffnet, nachdem Triumph sich aus Kolumbien zurückgezogen hat. Da wir schon wieder seit einiger Zeit Kühlflüssigkeit verlieren und wir die Zylinderkopfdichtung stark im Verdacht haben, bitten wir die Mechaniker, sich das mal genauer anzuschauen. Tatsächlich ist es die Dichtung.

Die gute Nachricht: Wir haben sogar Ersatz dabei, den wir uns schon aus Deutschland haben mitbringen lassen. Die schlechte Nachricht: Auch die Ventilschaftdichtungen sind hinüber. Nun gut, besser hier als woanders. Wir haben schließlich fünf Monate in Kolumbien, bis wir Anfang nächsten Jahres mit dem Segelschiff nach Kuba übersetzen.

Wir beschließen, uns die Teile aus Deutschland mitbringen zu lassen und die Zwischenzeit zum Arbeiten und mit anderen organisatorischen Dingen zu füllen, die ohnehin erledigt werden müssen. Drei Wochen verbringen wir in Medellín und Bogotá ohne Motorrad, kümmern uns um Visa-Angelegenheiten und die Reparatur unserer beanspruchten Ausrüstung. Wir treffen viele Freunde wieder, finden neue tolle Menschen und feiern ausgelassene Partys.

Ein Zwischenstopp führt uns über 649 Stufen auf den Piedra del Peñol. Der Stein ist schätzungsweise 65 Millionen Jahre alt.
Aussicht von oben auf die Seenlandschaft rund um Guatapé
Auch hier wieder: charmante Wandmalerei und viel Liebe zum Detail
Überall taucht sie auf: die Flagge Kolumbiens

Die Zeit haben wir also gut genutzt und der Tiger schnurrt nach der Generalüberholung wieder wie ein anständiges Kätzchen. Aufgeregt machen uns auf den Weg nach Bogotá, wo wir ein großes Paket empfangen. Aber mehr dazu dann im nächsten Beitrag…

Falls du uns für die 234567 Stunden Arbeit etwas zugutekommen lassen möchtest, weil du Freude an unseren Geschichten hast: Du kannst uns ein Brötchen spendieren, wenn du magst (Wird garantiert nicht für Brötchen, sondern für Bier ausgegeben).

Einmalig

Monatlich


Weiterstöbern

← vorheriger Beitrag

nächster Beitrag →

0 Comments

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.