Wer den Blogartikel statt zu lesen lieber hören möchte, kann auch auf die Audio-Version zurückgreifen, die wir für euch aufgenommen haben. Das haben wir zum ersten Mal gemacht – einfach, weil wir Lust darauf hatten :). Gibt uns ein Feedback, falls ihr an weiteren Folgen interessiert seid.

Wir biegen im Hafen um die Ecke und da steht sie, die „Grande Amburgo“. Was ein Koloss. Der Vorbereitungsstress der letzten Tage ist mit der Ankunft im Hafen nun endgültig beendet. Den nächsten Monat werden wir endlich etwas Zeit haben, um runterzukommen. So können wir mit dem, was hinter uns liegt abschließen und uns auf das, was vor uns liegt, langsam einstellen. Es ist der Beginn einer Reise, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern, wie sie verlaufen und wo sie enden wird. Das Abenteuer, von dem wir schon sehr lange gemeinsam träumen.

Es war wirklich interessant, wie unterschiedlich die Reaktionen der Leute waren, denen wir von der Überfahrt mit dem Frachter erzählt haben. Einige waren begeistert, einige haben uns für verrückt erklärt, wieder andere haben uns prognostiziert, dass uns schon am dritten Tag langweilig werden würde.

Für uns gehört die Fahrt mit dem Frachter zur Reise dazu. Es ist eine neue Erfahrung, die uns von Anfang an fasziniert hat.

Nicki schaut von der Reling auf den Hafen Antwerpen

Ein Blick ins Ungewisse

Willkommen an Bord

Schnell ein Erinnerungsfoto gemacht, dann geht es weiter zu der großen Rampe, über die wir den Tiger auf das Schiff bringen. Hier geht alles sehr hektisch zu. Ein Neuwagen nach dem nächsten prescht mit einem Affenzahn über die Rampe und verschwindet im Schiffsinneren. Wir lassen den Tiger mitsamt Gepäck in unmittelbarer Nähe zur Rampe stehen und gehen zunächst zu Fuß auf das Schiff, um mitzuteilen, dass wir da sind. Bedauerlicherweise scheint das aber Niemanden so wirklich zu interessieren. Auf eine freundliche Begrüßung samt Einweisung hoffen wir vergeblich. Wortlos werden wir zu unserer Kabine gebracht, aus der vor unseren Augen ein Kadett gescheucht wird. Die Kabine sieht gemütlich aus, das Bad wurde jedoch nicht vor unserer Ankunft geputzt. Mit tausend unbeantworteten Fragen im Kopf werden wir in dort alleine gelassen. Wir wussten, dass es hier anders als auf einem Passagierschiff zugeht und wir keine große Sonderbehandlung erwarten dürfen. Trotzdem wäre es schön gewesen, zumindest kurz erklärt zu bekommen, wo sich alles befindet und welche Abläufe es hier gibt.

Zum Glück hat die Verwirrung ein schnelles Ende, als uns Graham auf dem Gang anspricht. Er und seine Frau Geraldine sind Passagiere aus England und nun schon seit neun Wochen an Bord. Für uns sind sie ein wahrer Segen, da sie wirklich alles über das Leben auf dem Schiff wissen und uns eine ausführliche Einführung über die Gewohnheiten hier geben können. Leider werde sie uns nicht mehr lange begleiten, da ihre Reise in Tilbury endet.

Kurze Zeit nach dem Bezug unserer Kabine bringen wir das Motorrad an Bord. Alles muss schnell gehen, da die Fahrzeuge im Sekundentakt über die Rampe gefahren werden. Doch auch hier warten wir vergeblich auf Informationen von der Crew. „Einfach fahren, da steht dann schon jemand“, heißt es. Wir fahren die steile Auffahrt hoch. Als wir wissen möchten, auf welches Deck wir denn jetzt fahren sollen, kommt uns von zwei Typen nur ein müdes Schulterzucken entgegen. Noch bevor ich Moe sagen kann, dass er besser nicht mitten auf der steilen Auffahrt stehen bleiben sollte, hat er schon angehalten. Hier mit dem vollbepackten Tiger zu drehen ist unmöglich. Wir sehen jedoch an den anderen Autos, die nach uns hochgebrettert kommen, dass wir wohl zurück zu der untersten Einfahrt müssen, an der wir bereits vorbeigefahren sind. Ich steige ab und stütze das Motorrad von hinten, während Moe sich langsam zurückrollen lässt. Ein LKW, der von unten auf uns zugerast kommt, muss eine Bremsung hinlegen. Der Fahrer ist sichtlich sauer darüber, dass wir den Verkehr aufhalten. Wir sind auch sauer, denn diese gefährliche Situation hätte sich auch vermeiden lassen, wenn uns vorher einfach gesagt worden wäre, dass wir die erste Einfahrt nehmen sollen. Moe biegt rechts ab und stellt den Tiger in eine kleine Nische neben einem Campervan. Es herrscht totaler Stress und ein betörender Lärm während wir unseren Tiger abpacken. Zur Sicherheit nehmen wir alles ab, auch die leeren Sturzbügeltaschen. Nur zu oft haben wir gehört, dass anderen Moppeds jedes auch noch so wertlose Teil auf Schiffen geklaut worden ist. Deutsche Nummernschilder sollen ein beliebtes Sammlerstück sein. Nicht auszumalen, welche Schwierigkeiten es uns bereiten würde, wenn es auf einmal nicht mehr da wäre.

Kajüte in der Grande Amburgo

Unsere Kajüte war klein, aber fein

Die ersten Stopps: Tilbury und Hamburg

Am nächsten Tag geht es los. Wir verlassen den Hafen Antwerpen und werden vor Dakar noch nach Tilbury, Hamburg und Vigo fahren.

Abgesehen von Geraldine und Graham, die ja schon lange an Bord sind, sind auch noch zwei französische Paare in Antwerpen mit uns an Bord gegangen, die mit ihren beiden Vans durch Südamerika fahren wollen.

Es gibt drei Mahlzeiten am Tag, wobei Mittag- und Abendessen aus jeweils drei Gängen bestehen. Da der Koch, genau wie der Kapitän und alle anderen Offiziere, ein Italiener ist, werden wir mit italienischer Küche verwöhnt (sehr viel Pasta und sehr viel Fleisch – könnte schlechter sein ????). Zu den Mahlzeiten bekommen wir sogar roten und weißen Wein. Es scheint auch keinen zu interessieren, wenn wir zusätzlichen Alkohol in unseren Rucksäcken mit an Bord schmuggeln.

Direkt gegenüber von unserer Kabine haben wir auch ein Gym, über das wir uns natürlich besonders freuen, auch wenn hier alles ein wenig – nennen wir es mal – improvisiert ist. Während der Fahrt werden wir fast täglich trainieren, um möglichst fit in Südamerika anzukommen.

In Tilbury verabschieden wir uns von Geraldine und Graham. Für sie kommen Caroline und Lauren an Bord, Mutter und achtjährige Tochter, die schon viele Orte dieser Welt gesehen haben.

Mehrmals am Tag gehen wir raus auf das Deck, um uns etwas zu bewegen und auf die Weite des Meeres zu blicken. Obwohl es im europäischen Raum noch sehr windig und kalt ist, sind wir sehr gerne draußen. Am liebsten schaue ich in das Türkis der aufschäumenden Wellen, die das Boot bei der Fahrt umgeben. Täglich fiebern wir dem Sonnenuntergang entgegen, der auf See wie in den Häfen ein besonderes Erlebnis ist. Außerdem hat man bei klarem Himmel einen unglaublich tollen Blick auf die Sterne und wir kommen nicht selten in den Genuss einer eindrucksvollen Milchstraße.

In Hamburg kommen schließlich noch die Schweizer Dora und Fritz an Bord, die ebenfalls mit einem Van durch Südamerika fahren werden. Die tiefenentspannte Art der beiden ist uns sehr sympathisch.

Wir passieren viele große Kräne bei der Hafenausfahrt

Die Ausfahrt aus Antwerpen

Kurz vor Vigo: Weihnachten auf dem Meer

Das Meer beginnt zunehmend unruhiger zu werden. Obwohl wir uns schon am Morgen des 25. Dezembers vor der spanischen Küste befinden, müssen wir den Tag auf offener See verbringen. Am ersten Weihnachtsfeiertag arbeitet nämlich niemand im Hafen. Ich finde das ganz schön, weil wir dadurch die Gelegenheit haben, in Ruhe und auf offener See Weihnachten zu feiern.

Um 12 Uhr mittags des ersten Weihnachtsfeiertages werden wir auf die Brücke gerufen. Hier hat sich die gesamte Besatzung versammelt, um Aperitif und Vorspeisenhäppchen gemeinsam einzunehmen. Es ist schön, dass alle dieses Fest gemeinsam feiern, herrscht hier doch sonst eine sehr strenge Hierarchie zwischen den Offizieren, die alle Italiener sind, und der Crew, die zum größten Teil aus Philippinos besteht.

Das anschließende Weihnachtsessen ist sehr, sehr üppig. Es gibt acht Gänge und es fließt viel Wein. Und obwohl jeder zweite Gang aus Fisch besteht, den ich leider gar nicht leiden kann, werden wir alle mehr als satt. Zum Nachtisch gibt es Panettone, den traditionellen Kuchen aus Mailand.

Als wir nach einem kurzen Aufenthalt in Vigo richtung Dakar weiterfahren, wird es sehr stürmisch. Der Kapitän persönlich teilt uns mit, dass wir uns auf schlechtes Wetter gefasst machen und unsere Sachen sicher verstauen sollen. Die nächsten beiden Tage werden ungemütlich.

Weihnachten feiern mit der Crew

Auch die phillipinische Crew hat mit uns Weihnachten gefeiert

Auf dem Weg nach Dakar

Das starke Geschaukel ist für mich gewöhnungsbedürftig. Man läuft wie betrunken über die Gänge und torkelt von einer Seite auf die andere. Die erste Nacht bekomme ich kein Auge zu. Einerseits ist es sehr heiß in unserer Kabine, weil die Klimaanlage vorübergehend ausgefallen ist, andererseits fällt ständig irgendwo etwas herunter, was mich nicht einschlafen lässt. Um drei Uhr nachts gibt es ein riesiges Getöse in dem gegenüberliegenden Fitnessraum. Das sind eindeutig die Gewichte, die wohl gerade kreuz und quer durch den Raum fliegen. Ich gehe rüber, versuche schwankend, alles wieder an seinen Platz zu räumen und in eine stabile Position zu bringen, während Moe schon seit Stunden wie ein Baby in der Wiege schläft und sich von alledem nicht im Geringsten stören lässt.

Am nächsten Tag habe ich mich akklimatisiert. Das Schwanken stört mich nicht mehr sonderlich. Was mich hingegen schrecklich nervt ist die Anordnung des Kapitäns, dass Passagiere eineinhalb Tage nicht mehr an Deck gehen dürfen. Zu gefährlich. Plötzlich fühlt man sich doch sehr in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Wir bekommen beide Kopfschmerzen und sind uns sicher, dass die fehlende frische Meeresluft dafür verantwortlich ist.

Als wir dann endlich wieder auf das Deck gehen dürfen, werden wir mit traumhaften Wetter belohnt. In nur 36 Stunden haben wir uns von Vigo bis auf die Höhe der Küsten Marokkos bewegt. Und das merkt man natürlich auch an der Temperatur. Sind wir noch mit Daunenjacke durch Vigo gelaufen, machen wir es uns nun in T-Shirt und kurzer Hose im Liegestuhl bequem. Auch die Farbe des Meeres hat sich verändert und glänzt nun in einem wunderschönen, tiefem Blau.

Tags darauf sehen wir zum ersten Mal Delfine. Ich stehe mit meinem Kaffee in der Hand an der Reling und unterhalte mich mit Moe, während ich aus dem Augenwinkel etwas aus den Wellen hüpfen sehe. Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob das nur eine Einbildung war. Doch auf einmal hüpfen ganz viele der Tiere munter über die Wellen, die das Schiff umgeben. Moe geht schnell auf das Zimmer, um die Kamera zu holen. Wir sind uns erst gar nicht sicher, ob das wirklich Delfine sind, denn eigentlich haben wir sie viel größer in Erinnerung. Als Moe mit der Kamera wiederkommt, sind schon fast alle wieder weg (Artikel 1 im ungeschriebenen Gesetz der Fotografie). Doch wir haben etwas Glück im Unglück und können immerhin noch ein Foto von einem weiter entfernten Delfin schießen, das zwar nicht beeindruckend ist, aber immerhin als Beweis dient.

Ab jetzt nimmt sich Moe vor, nicht mehr ohne die Kamera rauszugehen. Obwohl wir Glück haben und auch an den beiden darauffolgenden Tagen Delfine entdecken UND die Kamera griffbereit haben, ist es wirklich nicht einfach, in diesen kurzen Augenblicken ein gutes Foto zu schießen.

An dieser Stelle möchten wir gerne ein Zitat von Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis” anführen, das wir passenderweise gerade als Hörbuch hören:

“Es ist eine bedeutende und allgemein verbreitete Tatsache, dass die Dinge nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Zum Beispiel waren die Menschen auf dem Planeten Erde immer der Meinung, sie seien intelligenter als die Delfine, weil sie so vieles zu Stande gebracht hatten: das Rad, New York, Kriege usw., während die Delfine doch nichts weiter taten, als im Wasser herumzutoben und sich ‘s wohlsein zu lassen. Aber umgekehrt waren auch die Delfine der Meinung, sie seien intelligenter als die Menschen und zwar aus genau den gleichen Gründen.”

Delfine toben im Meer

Für ein richtig gutes Delfinfoto waren wir leider zu langsam.

Die Silvesternacht

Am Silvesterabend befinden wir uns schließlich kurz vor Dakar, was sich nicht nur durch die zunehmende Hitze, sondern auch durch die sonderbarsten Insekten an Deck bemerkbar macht. Es heißt, dass wir nun ein paar Tage warten müssen, bis wir am Hafen von Dakar anlegen können. Dort wird wohl bis zum 3.1. nicht gearbeitet und es gibt zudem noch viele andere Schiffe, die teilweise schon seit Weihnachten darauf warten, in den Hafen einzufahren.

Silvester wird an Deck gefeiert. Alle kommen zusammen, es wird gemeinsam mit gutem italienischen Rotwein angestoßen und frisch gefangener Fisch gegrillt, welcher von Senegalesen auf kleinen bunten Fischerbooten angeliefert und verkauft worden ist. Das Highlight des Abends ist aber auf jeden Fall das Karaoke. Die Philippinos geben Klassiker wie „New York, New York“ zum Besten und auch wir können uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und singen „Barbie Girl“ im Duett, was wohl auch einen gewissen Unterhaltungswert für die Zuhörer hat. Schade, dass sich keiner der Italiener ans Karaoke traut. Auch wenn an Festen wie Weihnachten und Silvester gemeinsam gefeiert wird, gewisse Grenzen innerhalb der Besatzung werden nie überschritten. Offiziere und Crew bleiben jeweils unter sich. Am Höhepunkt des Abends, als alle Passagiere zusammen mit den Philippinos vor der Karaokemaschine laut singen und ausgelassen tanzen, zieht der jüngste Kadett schließlich den Stecker – Party beendet. Er ist wohl unglücklich darüber, dass er nicht mitfeiern kann, „da man sich als Italiener nicht unter die Philippinos mischt“, wie er einige Tage zuvor noch erklärt hatte…

Wir feiern schließlich noch etwas mit den anderen Passagieren im Aufenthaltsraum weiter, doch schon bald gehen alle schlafen. Wir nutzen die Ruhe und setzen uns mit einer langen Zigarre auf das Deck, wo wir bei Sternenlicht und dem Klang der Wellen noch etwas über Kuba philosophieren. Wer weiß, vielleicht haben wir ja eines Tages die Gelegenheit, dort eine echte Havanna zu rauchen.

Weihnachtsdinner

An Silvester gab es frischen, gegrillten Fisch

Ein Tag in Dakar [diesen Beitrag hat Moe geschrieben]

Nachdem wir tagelang nicht in den Hafen fahren durften, ist die Aufregung groß, als der Frachter sich am 5.1. endlich in Bewegung setzt und auf den Hafen von Dakar zusteuert. Wir fahren gegen Abend durch die schmale Einfahrt des Hafens. Im Vergleich zu den vorherigen ist der Hafen Dakars sichtlich kleiner und unorganisierter. Ein unangenehmer Geruch steigt in die Nase, als wir in der Bucht anlegen. Vom Deck aus beobachten wir, wie die Schiffsrampe herabgelassen wird. Am Hafen stehen unzählige Arbeiter in gelben Warnwesten bereit.

Am nächsten Tag stehen wir früh auf. Wir wollen mit Caroline und Lauren Dakar besichtigen. Einen ganzen Tag haben wir Zeit und deswegen wollen wir auch Goree Island besichtigen, eine Insel, welche wir bereits bei der Hafeneinfahrt passiert haben. Wir verlassen also den Hafen und machen uns auf den Weg. Es ist staubig, Taxis hupen uns an und viele Passanten grüßen uns auf Französisch. Die Fähre zur Insel ist nicht weit entfernt. Doch bevor wir sie betreten können, erreicht uns eine Hürde. Ein schwer bewaffneter Soldat verbietet uns den Zugang. Er möchte erst einen Ausweis sehen. Nicki hat aber keinen Personalausweis und wir mussten unsere Reisepässe auf dem Schiff zurücklassen, da sie dort für die Zollabfertigung benötigt werden. Caroline und Lauren wollen Tickets für die Fähre holen und auf uns warten. Wir müssen zurück zum Schiff und ein Ausweisdokument holen. Als wir mit unseren wiederkommen, wirft der Soldat nur einen flüchtigen, uninteressierten Blick auf Nickis Führerschein. Wahrscheinlich hätten sie ihm auch eine Knax-Club Karte vorzeigen können.

Goree Island

Goree Island hat eine bewegende Historie. Kolonisten hielten hier Sklaven aus ganz Westafrika gefangen, bevor sie verkauft und von Schiffen nach Amerika abgeholt wurden. Heute ist die Insel vor allem ein Touristenmagnet. Viele Einheimische versuchen hier Kunsthandwerk und Instrumente an die größtenteils weißen Besucher zu verkaufen. Der unangenehme Geruch von den Straßen Dakars ist auf Goree Island nicht mehr zu vernehmen. Hier spürt man wieder die salzige Meeresluft in der Nase. Die Insel ist hübsch hergerichtet. Das Bild wird von den bunten Häusern der ehemaligen Kolonialisten, Palmen, exotischen Vögeln und vielen kontaktfreudigen Händlern geprägt.

Ständig werde ich gefragt, wie ich heiße und wie es mir geht. Ein besonders kommunikationsfreudiger Mann lobt mich für meine tolle Familie und zeigt auf Nicki, Caroline und Lauren. Man bekommt jedoch schnell das Gefühl, dass jeder hier einem etwas andrehen will. Wenn man nichts kaufen möchte, ist es gar nicht so einfach, den schmalen Grat zwischen höflichem Ablehnen und genervtem Abwimmeln zu finden. Das ist schade, denn damit tut man jenen Unrecht, die vielleicht einfach nur freundlich sein wollen. “Non, merci” geht mir an diesem Tag hunderte Male über die Lippen.

Der interessanteste Ort ist das “House of Slaves”. Eines der zahlreichen ehemaligen Sklavengefängnissen wurde zu einem Museum hergerichtet, welches an die grausame Vergangenheit der Insel erinnern soll. In kleinen engen Keller-Kerkern ohne Licht wurden die Sklaven zusammengehalten, während die Kolonialisten in den oberen Etagen ein scheinbar unbeschwertes Leben führten.

Wir nehmen die Fähre zurück nach Dakar. Goree Island hinterlässt ein komisches Gefühl im Bauch. Die scheinbare Inselidylle steht in einem seltsamen Kontrast zu der historischen Bedeutung der Insel.

Wir gehen noch kurz in die Altstadt und probieren senegalesische Hühnergerichte. Auf dem Weg zu einem Supermarkt spricht mich ein Straßenverkäufer an. Ich sehe aus wie Eminem, meint er. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir das schmeicheln soll. Wir kaufen noch zwei afrikanische Biere und schmuggeln sie in unseren Rucksäcken auf den Frachter.

Die “Sklaveninsel” Goree Island von der Fähre aus gesehen.

Blick aus dem Hafen auf die Skyline von Dakar, die im Nebel verschwindet

Die Skyline von Dakar

Der Hafen in Dakar wirkt chaotischer als alle anderen Häfen, die wir gesehen haben

Wir überqueren den Atlantik

Nun geht es zügig über den Atlantik. Wir haben viel Zeit vor Dakar verloren, die es jetzt wieder aufzuholen gilt, schließlich gilt auch im Hafengeschäft die Devise „Zeit ist Geld“. Wir überqueren den Atlantik in nur 5 Tagen, bevor wir Vitoria erreichen.

Die Überquerung ist deutlich ruhiger und unspektakulärer, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ein Highlight ist sicherlich die Equatorüberquerung, bei dem uns Passagieren und den beiden jüngsten Kadetten die Seetaufe bevorsteht. Die Passagiere werden dabei von Neptun mit einer Kelle Seewasser getauft, während die Kadetten die stinkenden Küchenabfälle der letzten Tage übergeschüttet bekommen, um anschließend mit Wasser abgespritzt und kreative Frisuren vom Kapitän verpasst zu bekommen. Leider versäume ich dieses Spektakel, da ich mir ausgerechnet an diesem Tag einen Nerv eingeklemmt habe und nur unter Schmerzen meinen Kopf aufrecht halten kann.

Regelmäßig setzen wir uns mit Rotwein und Zigarre an Deck, um den Sternenhimmel zu beobachten. Eines abends haben wir sehr viel Glück. Wir erblicken eine Sternschnuppe, die wie ein Feuerball durch den Himmel schießt. Sie ist so nah und hell und fliegt eine gefühlte Ewigkeit über unsere Köpfe.

Seetaufe Moe

Sonnenuntergang mit Schiffskulisse

Langweilig war uns eigentlich nie

Äquator

Wir kreuzen den Äquator

Auf der anderen Seite

Eine wunderschöne, neue Welt liegt vor mir, als ich eines morgens aufwache und wir im Hafen von Vitoria liegen. Der kleine Hafen inmitten der grünen Berge und dem Treiben des kleinen Städtchens hat es mir wirklich angetan. Ich hatte nicht mit einer so schönen Kulisse gerechnet. In mir steigt eine riesige Euphorie auf, denn nun haben wir es geschafft: Wir werden zum ersten Mal südamerikanischen Boden betreten und das an einem Ort, der mich geradezu verzaubert. Wir schauen zu, wie riesige Säcke voller frischer Früchte auf das Boot geladen werden: bergeweise Bananen, Ananas, Papayas, Mangos, Melonen und mehr, die wir die nächsten Tage serviert bekommen. Der Geschmack dieser Früchte wird unvergleichlich sein mit jenen, die man in Europa kaufen kann.

Selbstverständlich müssen wir hier an Land gehen, auch wenn wir nicht viel Zeit haben und uns gesagt wird, dass die Stadt weit entfernt und es angeblich gefährlich sei. Zum Glück sind wir mit Lauren und Caroline unterwegs, die die letzten Jahre in Mosambik gelebt haben und fließend Portugiesisch sprechen. Wir wollen uns brasilianische Real und SIM-Karten besorgen, denn abgesehen von den drei weiteren brasilianischen Häfen, die wir noch besuchen, werden wir ebenfalls mit dem Motorrad nach Brasilien wiederkehren. Da die Taxifahrer direkt am Hafen einen unverschämt hohen Preis von uns verlangen, beschließen wir zu laufen. Kurze Zeit später hält ein Hafenarbeiter mit seinem Auto und bietet uns an, uns zur nächsten Shopping Mall zu bringen, wo wir unsere Besorgungen erledigen können. Auch wenn ich Malls nicht leiden kann, ist es nun ganz praktisch. Auf dem Rückweg nehmen wir ein Taxi, das nur etwa ein fünftel des Preises kostet, den der Taxifahrer am Hafen von uns verlangte.

Nach dem Ausflug in Santos haben wir uns eine Pause gegönnt.

Im Hafen von Santos erblicken wir eine völlig neue Welt

Zu wenig Zeit in Río de Janeiro

Als wir schon zum Sonnenaufgang in den Hafen von Río einfahren ist klar, dass wir nicht besonders viel Zeit hier haben werden. Die tollen Aufnahmen, die wir zu dieser frühen Stunde im Hafen machen können, trösten uns immerhin ein wenig darüber hinweg. Wir hatten auf einen ganzen Tag in Río gehofft, da wir gemeinsam mit Lauren und Caroline gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Zuckerhut gefahren und anschließend über die legendäre Copacabana gelaufen wären. Als wir erfahren, dass wir schon gegen 12 Uhr mittags zurück an Bord sein müssen, brechen wir so schnell wie möglich auf. Man kann nie genau wissen, wie lange das Schiff im Hafen liegen wird. Doch auch wenn es nur ein kurzer Touri-Trip war, hat es sich gelohnt. Die Aussicht vom Zuckerhut ist beeindruckend.

Aussicht vom zuckerhut

Die Aussicht auf Rio vom “Zuckerhut”

Santos und Paranagua

Nach Río geht es weiter südlich der brasilianischen Küste herunter nach Santos und Paranagua. In Santos gehen gehen wir nicht an Land, da die Zeit im Hafen recht knapp ist und wir noch genug andere Dinge zu tun haben. Langweilig ist uns nämlich auf der gesamten Fahrt nicht ein einziges Mal geworden! Die Ausfahrt aus dem Hafen ist sehr spannend, da sich entlang des Flussufers gegensätzliche Welten abbilden. Wir fahren mitten durch unzählige Hochhäuser am Sandstrand auf der einen und kleinen, stelzernen Baracken zwischen Großindustrieanlagen auf der anderen Seite.

Der letzte Stopp vor Montevideo: Zarate

Obwohl wir schon einige Tage direkt vor dem Hafen in Montevideo liegen, wird es noch einige Tage dauern, bis wir hierhier zurückkehren und das Schiff verlassen können. Wir warten. Denn der schmale Río de la Plata, der uns nach Zarate führen wird, ist hinsichtlich der Schiffe, die durch ihn fahren können, streng reglementiert. Doch als es dann so weit ist und wir uns entlang Buenos Aires gen Westen ins Landesinnere von Argentinien treiben lassen, bietet sich ein schöner Anblick. Ich kann stundenlang draußen sitzen und die kleinen Anlegestellen entlang des Ufers beobachten, die sich zwischen den dicht bewachsenen Wäldern am braunen Wasser des Flusses angesiedelt haben.

In Zarate verbringen wir einen sehr entspannten Tag mit Dora und Fritz und genießen es sehr, uns die Beine bei dem perfekten Wetter zu vertreten. Hier bekommen wir auch eine SIM-Karte, die nicht nur für Argentinien, sondern auch für Uruguay gilt und decken uns mit ein paar argentinischen Pesos ein. Das macht die bevorstehende Einreise wesentlich entspannter.

Diese letzten paar Zeilen schreibe ich, während wir gerade aus dem Hafen von Zarate ausfahren. Schön, dass wir den engen Río de la Plata noch einmal im Hellen herunterfahren. Wahrscheinlich werden wir übermorgen das Schiff in Montevideo verlassen. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit auf der „Grande Amburgo“ vergangen ist. Und das, obwohl wir noch eine Woche länger als geplant hier verbracht haben. Wir haben die Zeit sehr genossen. Sie hat einem die Distanz, die man zurücklegt, sehr viel greifbarer gemacht hat.

Zarate

Stundenlang fahren wir über einen schmalen Fluss nach Zarate

Die Grande Amburgo

Schön war es auf der der “Grande Amburgo”