Nachdem wir den korruptesten Polizeicheckpoint umfahren haben, wollen wir zügig in den Süden kommen, damit wir dort noch halbwegs gutes Wetter haben. Übernachtungsmöglichkeiten zu finden, gestaltet sich jedoch auch in Argentinien eher schwierig, da jegliches Land entlang der Straßen eingezäunt ist. Hinzu kommt, dass wir windgeschützte Plätze für unser Zelt finden müssen, sonst haben wir keine ruhige Nacht. Unsere Übernachtungsorte müssen wir daher pragmatisch auswählen. Und das hat wenig mit romantischer Einsamkeit zu tun: Mal ist es ein Stadtpark, der nachts als Motorradspielplatz der argentinischen Jugend dient, mal ist es ein Campingplatz, dessen sanitäre Anlagen so schreckenserregend sind, dass man am liebsten rückwärts wieder rausgehen möchte.

Auch im Reisealltag braucht’s Routine

Die letzten Tage waren wirklich anstrengend: Früh aufstehen, zusammenpacken, aufladen, stupides Geradeausfahren, Schlafplatz suchen, abladen und wieder alles auspacken. Wir müssen beim Gepäck noch einiges ausprobieren, also wird viel umgepackt, um den täglichen Prozess des Ein- und Ausräumens zu optimieren. Wir merken, dass es uns absolut keinen Spaß macht, so viele Kilometer an einem Tag zu fahren und ständig diesen kleinen Teufel auf der Schulter sitzen zu haben, der uns sagt, dass wir uns beeilen müssen. Andererseits waren wir bisher an keinem Ort, an dem es uns so gut gefallen hätte, dass wir dort noch etwas mehr Zeit hätten verbringen wollen. Wir einigen uns darauf, dass wir unser Tempo sehr entschleunigen möchten, so bald wir in Feuerland angekommen sind.

Up’s and Down’s

Unsere anfängliche Pechsträhne in Argentinien setzt sich fort, als wir die Küstenstadt Bahia Blanca erreichen. Moe nimmt das Topcase vom Motorrad ab, um die Befestigung zu überprüfen. Versehentlich tritt er auf den Schlüssel, der noch im Schloss des Topcase steckte – nun ist er abgebrochen. Also gut, wir haben uns sowieso überlegt, dass wir vorne vielleicht noch ein Rohr anbringen möchten, um etwas Gewicht von hinten nach vorne zu verlagern. Also geht’s am nächsten Tag zum Baumarkt, wo wir ein besonders schickes Rohr finden, das von nun an den Tiger schmückt. Einen Schlüsseldienst gibt es hier jedoch nicht, daher beginnt nun die Suche quer durch die ganze Stadt. Erst erhalten wir eine komplett falsche Info, dann stehen wir vor einem verlossenen Laden, um daraufhin zum nächsten Shop geschickt zu werden, der auch geschlossen hat. Dann heißt es warten. Am späten Nachmittag können wir schließlich den Schlüssel nachmachen lassen und endlich weiterfahren. Schon ärgerlich, was uns eine Sekunde Unachtsamkeit an Zeit und Nerven gekostet hat.

Wir fahren über die “Grenze” Patagoniens, über deren Lebensmittelkontrollen wir schon einiges gelesen haben. Dort sollen sie das ganze Gepäck durchwühlen, manchmal sogar mit Spürhunden. Frisches Fleisch und Obst dürfen nämlich nicht über die Grenze geschleust werden. Nachdem wir mit diesen schrecklichen Geschichten im Kopf an beiden Kontrollpunkten einfach so durchgewunken werden, sind wir ein bisschen erleichtert. Nicht, dass wir versucht hätten, etwas rüberzuschmuggeln. Aber das ganze Mopped abzupacken wäre schon ein größerer Akt. Den wollten sich sicherlich auch die Kontrollmenschen ersparen 😉 .

Abends schaffen es bis zu einer Lagune, die uns ins Gedächtnis ruft, wofür wir die täglichen Anstregungen auf uns nehmen. Entlang eines kleinen Feldwegs können wir direkt am Wasser zelten – Papageien, Flamingos und Schwäne inklusive. Im Gegensatz zu anderen netten Orten gibt es hier auch erstaunlich wenig Müll. Aber das Beste ist, dass wir hier endlich mal alleine sind. Kein Mensch weit und breit. Das gefällt uns ja bekanntlich.

Eine tolle Kulisse. Hier schlagen wir unser Lager für die Nacht auf

Gar nicht so einfach, nah an die Flamingos ranzukommen

Wieder mal nicht aufgepasst…

Doch lange hält das Glück nicht an. Am nächsten Tag halten wir an einer Tanke, ich gehe in den Shop, um einen Snack und Kekse für die Fahrt zu kaufen. Moe wartet wie gewohnt am Mopped. Als ich mit dem Kram wiederkomme, ist das Mopped auf einmal nicht mehr da. Total verdutzt schaue ich mich um, bis ich Moe auf der anderen Seite der Tanke entdecke. Er hat umgeparkt, weil er die Wartezeit nutzen und unsere Flaschen mit Wasser auffüllen wollte. Wir gönnen uns ein kleines Frühstück. Als es schließlich weitergeht, bekomme ich einen Schock: Meine Brille ist weg!

Ich hatte sie zusammen mit Helm und Jacke hinten auf dem Motorrad abgelegt. Eigentlich stecke ich die Brille aus Sicherheitsgründen immer in meine rechte Brusttasche. Dort ist nur leider das Netz gerissen, weshalb ich die Brille ausgerechnet dieses eine Mal auf dem Motorrad abgelegt hatte. Ich dachte ja, dass Moe eh dort auf mich warten würde. Total panisch renne ich zurück zu unserem ersten Parkplatz. Ich hab’ schon im Gefühl, dass das nicht gut ausgeht. Ich suche hektisch alles ab, aber von der Brille ist weit und breit nichts zu sehen. Futsch! Ich breche zusammen. Das kann doch nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein. Scheiß auf den materiellen Wert, ich bin auf diese Brille angewiesen. Ich hab den Eindruck, dass Moe das Ausmaß der Dinge gar nicht versteht. Da ich kurzsichtig bin, kann ich ohne Brille nicht mehr Motorrad fahren. Für mich bricht eine Welt zusammen. Während ich kurzerhand die Kontrolle verliere und wild herumfluche, scheint es mir, als würde Moe das gar nicht so schlimm finden. Das bringt mich noch mehr auf die Palme. Man muss doch vor dem Umparken schauen, ob da noch was auf dem Mopped liegt. Moe weiß doch, dass ich beim Parken meine Sachen dort ablege. Wieso ist er so unachtsam? Soll ich mich jetzt einfach damit abfinden, mich hinten auf’s Motorrad setzen und weiter geht’s? Das kann ich nicht. Für mich geht es gerade gar nicht weiter, so wütend bin ich.

Moe hat sich derzeit an der Tankstelle durchgefragt. Die ramponierte Brille wurde sogar gefunden, jemand hat sie neben den Mülleimer gelegt. Das Glas ist zerkratzt, ein Bügel ist abgebrochen, der andere komplett verbogen. Ich setze mich auf eine Bank und breche in Tränen aus. Es kann doch nicht sein, dass uns ständig täglich etwas kaputtgeht. Wenn sich diese Missgeschicke so fortsetzen, dann werden wir mehr Zeit und Geld für’s Reparieren als für’s Reisen aufwenden. Warum hab ich diese blöde Brille auf das Motorrad gelegt? Warum, warum, warum?

Eine Frau kommt, um mich zu trösten. In diesem Moment denke ich zum ersten Mal darüber nach, was wohl die anderen Tankstellenbesucher beim Ablauf dieser Szene gedacht haben müssen. Nicht nur, dass diese bekloppten Deutschen mit einem riesigen, vollbepackten Motorrad und diesen viel zu warmen Anzügen dahergefahren kommen. Die kriegen auch noch Nervenzusammenbrüche an einer Tankstelle.

So langsam raffe ich mich wieder auf, es muss ja schließlich weitergehen. Wir wollten heute noch Papageien und Seelöwen besuchen, worauf ich mich eigentlich echt gefreut hatte.

Erst als der Motor wieder summt, beruhige ich mich. Ich kann Moe dafür nicht verantwortlich machen. Es war meine Schuld, die Brille dort abzulegen. Ich hätte wissen müssen, dass das kein sicherer Ort ist. Aber anderereits: Woher – um Himmels Willen  – hätte ich ahnen sollen, dass Moe ausgerechnet dieses eine Mal nicht dort stehen bleiben wird? Nun gut, weder Moe noch ich haben Schuld. Ich erinnere mich daran, dass Moe und ich vereinbart haben, dass – egal was passiert – eine Schuldfrage nie gestellt werden soll. Weil das keinen weiterbringt. Dies ist einfach der schmerzhafte Weg zu lernen, dass kleine Unachtsamkeiten hart bestraft werden können.

Uns hat es mal wieder gezeigt, dass wir doch völlig unterschiedlich sind. Während Moe sich doch eher schwer aus der Ruhe bringen lässt, reagiere ich viel emotionaler. Nach kurzen, heftigen Gefühlsausbrüchen ist es dann für mich aber auch abgehakt, es kann weitergehen. Das Problem ist nur, dass sich Moe manchmal von meiner kurzen Flucherei länger runtergezogen fühlt obwohl es für mich schon längst erledigt ist. Anders herum frag’ ich mich aber auch oft, wie man denn alles einfach so hinnehmen kann. Letztendlich ist es aber auch gerade das, was ich so an ihm schätze. Und es ist auch sicherlich nicht so, als wäre Moe alles egal. Er kommuniziert einfach nicht so wie ich. Nun ja, zum Glück kennen wir uns nicht erst seit gestern und es ist auch nicht das erste Mal, dass wir zusammen reisen. Doch die guten und schlechten Erlebnisse kommen einfach in viel kürzeren Abständen. Und mit einer ganz anderen Wucht.

Ich hab mir überlegt, dass man das Ganze auch ganz gut graphisch darstellen könnte…

Man achte auf die versetzte Reaktion von Moe auf meinen Überschwung

Noch am gleichen Abend habe ich meine Brille so geklebt, dass ich sie mir zumindest wieder bei der Fahrt in Helm einklemmen kann. Das Loch im Netz nähe ich auch. Ich werde so etwas nie wieder schleifen lassen.

Der Camino de la Costa

Abgesehen von dem Ärger am frühen Morgen hat der Tag noch echt was zu bieten. Nach einigen Kilometern kommen wir an eine besonders vielversprechende Küste Argentiniens. Am ersten Strandabschnitt soll es tausende Papageien geben, die von Oktober bis Januar in den Klippen nisten. Leider sind wir jetzt schon etwas zu spät dran, kein einziger Papagei ist mehr dort. Trotzdem, die rauhen Klippen sind einfach atemberaubend.

Leider keine Papageien – schön ist’s trotzdem!

Entlang des wunderschönen Camino de la Costa, der – wie der Name schon verrät – direkt am Meer entlangführt, geht es weiter zur nächsten tierischen Attraktion: Seelöwen. Die sind zum Glück das ganze Jahr dort und lassen sich aus der Ferne bestaunen. Gut, dass  wir ein Teleobjektiv dabei haben. Sonst würde man ja doch nur Punkte am entfernten Stand erkennen (besonders ich, da ich ja jetzt keine Brille mehr habe 😛 ). Der Praktikant im dazugehörigen Museum ist der erste Deutsche, den wir in Argentinien treffen (leider haben wir seinen Namen vergessen). Ist ganz lustig, dass er Moe direkt auf deutsch anquatscht: “Dir sieht man direkt an, dass du Deutscher bist.” Ein ortskundiger und sehr freundlicher Polizist, der zufällig gerade im Museum nach dem Rechten schaut, warnt uns vor dem weiteren Verlauf des Camino de la Costa. Tiefer Schotter sowie der Sand der umliegenden Dünen könnten uns das Leben echt schwer machen. Wir könnten natürlich auch zurück zur asphaltieren Ruta 3 und die knapp 200 Kilometer auf der Geraden zurücklegen. Nun ratet mal, wofür wir uns entschieden haben 😉 !

Auf in’s Abenteuer!

Der Camino de la Costa bietet eine traumhafte Kulisse