Mitten in der Nacht wachen wir auf, weil sich die Heringe der vorderen Apside aus dem Boden gelöst haben und die Plane wild umherflattert. Moe geht heraus und versucht, die Heringe zusätzlich mit Steinen zu beschweren. Ich bin froh, dass er währenddessen nicht auch noch weggeblasen wird. Die Windstille, bei der wir uns ins Zelt gelegt haben, hielt nicht lange an. Nur kurze Zeit später fegt der Wind heftig über unser Zelt.

Wir befinden uns mitten auf dem Camino de la Costa, der entlang einer der schönsten Küsten Argentiniens führt. Dass der Weg für uns eine Herausforderung ist, nehmen wir für dieses Erlebnis gerne in Kauf. Schon früh am Morgen brechen wir von unserem Nachtlager direkt am Meer auf. Gestern hat uns ein Polizist dazu geraten. Der lose Schotter und der Sand sind nach der nächtlichen Kälte einfacher zu durchfahren.

Und ja, es geht, wenn auch mal langsamer und mal schneller. Der Bodenbelag wechselt ebenso häufig wie die Kulisse. Kein Problem, dass wir hier nicht durchrasen können – sonst wären wir doch viel zu schnell am Ende 😉 . Sanfte Dünen schmiegen sich an die rauhe, aufbrausende Küste und wir fahren mittendurch. Auf so mancher Passage scheint es, als würden wir durch eine Sandwüste fahren. Es ist irgendwie bizarr und doch so wunderschön. Wir sehen so viele Strauße, Lamas und Kühe auf und neben der Straße, wir könnten sie niemals zählen. Das Highlight sind jedoch die kleinen Vögel hier. Jedes Mal, wenn wir uns nähern, fangen sie an, auf ihren kleinen Füßen panisch wegzutippeln. Das sieht so witzig aus, dass wir uns jedes Mal kaputtlachen müssen. Sehr, sehr selten kommt uns mal ein Auto entgegen. Moe und ich müssen schon bei dem Gedanken schmunzeln, dass andere Autofahrer uns entweder für total bekloppt oder für wahre Helden erklären müssen. Manchmal kann das verdammt nah beieinander liegen…

Ein Besuch der Halbinsel Valdés

Nachdem wir eine weitere Nacht gezwungenermaßen mit einem kleinen Park direkt hinter einer Tankstelle Vorlieb nehmen müssen, geht es weiter auf die Halbinsel Valdés. Dort ist gerade die beste Saison, um Meeressäugetiere aus der Nähe zu bestaunen.

Vorher treffen wir aber noch Eduardo an der Tankstelle. Ein besonders freundlicher Argentinier, der auf seinem Roller schon öfters runter bis nach Ushuaia (die südlichste Stadt Amerikas) gefahren ist. Dieses Mal will er es in einer echten Rekordzeit schaffen. Selbstverständlich gibt er uns noch wertvolle Tipps und Empfehlungen mit auf den Weg. Ein anderer Argentinier kommt dazu und schenkt uns sogar noch seine kleine Karte.

Austausch unter Reisenden

Dann geht es auf nach Valdés. Wir sind froh, dass wir mit unserem Mopped hier sind: Die Distanzen auf der Halbinsel sind so groß, dass man ein Fahrzeug benötigt. Zwischen den interessanten Küsten liegt nämlich nichts als eine weite, einsame Steppe. Ich fahre in das einzige Örtchen von Valdés hinein und lege den Tiger zum ersten Mal auf die Seite. Als ich neben einem Auto einparken will, kommt dieses auf einmal im Rückwärtsgang aus der Lücke rausgefahren (obwohl es sieht, dass es dort nicht rausfahren kann…). Ich muss ruckartig bremsen, und das genau an einer Stelle, auf der loser Schotter liegt. Das Hinterrad rutscht weg, der Tiger steht zu schräg und ich kann ihn nicht mehr halten – Mist! Sofort kommen einige hilfsbereite Argentinier aus den umliegenden Cafés angerannt, um uns beim Aufstellen des Tigers zu helfen. Ich bin frustriert. So ein Sturz nagt am Selbstvertrauen. Das Motorrad ist eben schwer, ich bin nicht die Größte und ich habe eben auch noch nicht viel Erfahrung. Doch ich will mich nicht unterkriegen lassen. Jetzt zu ängstlich zu werden, wäre ein Fehler. Es muss weitergehen.

Die Pisten auf Valdés bestehen fast ausschließlich aus tiefem Schotter. Der ist wirklich nicht einfach mit unseren zwei Rädern zu bewältigen. Es dauert nicht lange und auch Moe legt den Tiger hin. Na gut, dann steht es 1:1 heute. Zum Glück sind wir immer unversehrt geblieben, nur das Gepäck bekommt eigentlich immer etwas ab. Bisher konnten wir es mit etwas Improvisation reparieren. Aber was ist, wenn wir uns mal wirklich „irgendwo im Nirgendwo“ legen und etwas ist geht so kaputt, dass wir nicht mehr weiterfahren können?

Mit besonderer Vorsicht geht es also weiter. Wir biegen auf eine nette Sandpiste ein, die uns an die Küste führt. Die Strecke während des Sonnenuntergangs zu fahren ist wunderschön und es macht richtig Spaß. Als wir ankommen, werden wir mit einem spektakulären Ausblick belohnt. Obwohl es hier ziemlich windig ist, können wir diesen Platz als schönsten Übernachtungsplatz der bisherigen Reise bezeichnen. Der restliche Sonnenuntergang ist atemberaubend. Manchmal soll man von hier aus auch Wale beobachten können.

Sand kann auch Spaß machen!

Der Kampf für die Pinguine

Am nächsten Morgen freuen wir uns wieder darauf, den schönen Weg zurückzufahren – bis wir schließlich wieder am tiefen Schotter ankommen. Doch es hilft nichts: Wenn wir Pinguine sehen wollen, müssen wir da durch. Hin und zurück sind es circa 200 Kilometer, wir sind jedoch fest entschlossen. Die hier lebenden Tiere waren einer der Gründe, die doch sonst eher langweilige Ostroute runter in den Süden zu nehmen. Ich träume schon lange davon, Pinguine in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten zu können.

Wir kommen zwar nicht allzu schnell voran, aber wir schaffen es. Die Freude ist riesig, als wir vor unseren watschelnden Freunden stehen. Sie kommen uns unglaublich nahe. Wir können gar nicht genug Bilder von ihnen machen. Bevor es wieder zurückgeht, schauen wir uns noch Robben an. Leider sind wie aber so weit weg, dass man selbst mit dem Teleobjektiv keine Details erkennen kann.

Die kleinen Magellan-Pinguine haben sich uns bis auf einen Meter genähert

Fliegen muss bei diesem Wind so wunderbar sein

Schließlich geht es wieder über die anstrengende Schotterpiste zurück. Uns wundert es doch sehr, wie schnell manche Autos hier drüberrasen. Das ist nicht nur für sie selbst gefährlich; der aufgewirbelte Staub nimmt uns auch jegliche Sicht auf die Strecke.

Total erschöpft schaffen wir es bis nach Puerto Madryn, der nächstgelegenen Stadt. Wir hatten total vergessen, dass heute Rosenmontag ist. Da alle Hostels ausgebucht sind und die Stadt überfüllt ist, müssen wir im Dunkeln auf den nächsten Campingplatz fahren. Am nächsten Morgen können wir zum Glück in einem Hostel einchecken. Hier machen wir erstmal zwei Tage Reisepause.