Auch nach unserem Aufenthalt auf Feuerland bleiben wir noch ein Weilchen in Chile und fahren durch den patagonischen Wind Richtung Puerto Natales. Obwohl wir ja vorher mehrfach vor dem Wind gewarnt worden sind, bereiten uns die stürmischen Verhältnisse gar nicht so viel Probleme. Man muss beim Fahren etwas dagegenhalten, in Kurven ein bisschen aufpassen und mit einem höheren Benzinverbrauch rechnen. Aber Superkräfte braucht man dafür sicherlich nicht, jeder kann das schaffen!

Das Schiffswrack entdecken wir am Strand einer Geisterstadt

Die Kommerzialisierung des Torres del Paine Nationalpark

Schließlich erreichen wir Puerto Natales, eine Stadt, die überflutet von Backpackern ist. Das liegt daran, dass Puerto Natales die letzte Stadt vor dem berühmten Torres del Paine Nationalpark ist, welcher Touristen aus der ganzen Welt anlockt. Mit seinem mehrtägigen W-Track gilt er als DAS Wanderparadies Patagoniens. Wir wollen nicht bestreiten, dass dies auch unser Herz höher schlagen ließ. Man sagt, es sei einer dieser Orte, die man als Wanderer besucht haben muss.

Der Blick von der Promenade in Puerto Natales ist das einzige, was uns hier gefällt

Und da es viele Wanderer auf der Welt gibt und noch mehr Menschen, die damit schönes Geld verdienen wollen, hat der besagte Ruf des Torres del Paine-Parks einige Entwicklungen nach sich gezogen.

Das fängt damit an, dass man einen saftigen Eintrittspreis für den Park zahlt. Für jeden Toilettenbesuch im Park darf man umgerechnet etwa einen Euro bezahlen, die Lebensmittelpreise sind exorbitant. Ein Bett in einem Schlafsaal kostet stolze 50 USD, will man eine Decke zum Schlafen haben, dann kommen noch mal 30 USD obendrauf. Falls einem das zu teuer ist, kann man auf die Campingplätze ausweichen, aber nur, wenn man dort schon reserviert hat. Wer kein Zelt, Schlafsack usw. besitzt, der kann sich den ganzen Kram auch für ganz viel Geld mieten. Wildcampen ist übrigens verboten. Achja, und ist man bereit das alles zu bezahlen, dann kann man den Mehrtagestrack trotzdem nicht laufen. Denn man muss schon Monate vorher alle Campingplätze, die entlang des Weges liegen, gebucht haben. Ohne diesen Nachweis darf man den Weg nicht betreten!

So viel dazu. Nicht nur, dass es für uns absolut unmöglich ist, so etwas schon Monate im Voraus zu wissen und entsprechend zu planen… Uns kotzt vor allem diese Kommerzialisierung an. Versteht uns nicht falsch: Wir zahlen gerne etwas Geld für die Erhaltung von Natur, entsprechende Einrichtungen etc.. Aber das hat damit wohl gar nichts mehr zu tun. Wir haben mit vielen Leuten gesprochen, die erst vor Kurzem dort waren. Viele von ihnen waren enttäuscht, fühlten sich durch die Reservierungen in ihrer Wanderfreiheit eingeschränkt, manche sprachen auch von Abzocke. Deswegen verzichten wir auf das Wandererlebnis auf überfüllten, ausgetretenen Pfaden und fahren vorbei an diesem sicherlich wunderschönen Park.

Endlich mal wieder Wandern!

Und zwar geht es nun in den Nationalpark der Gletscher. Ganz in der Nähe des großen Perito Moreno-Gletschers übernachten wir auf einem wunderschönen Zeltplatz, direkt vor dem großen Lago Roca, der von eindrucksvollen, schneebedeckten Bergen umgeben ist. Von hier aus können wir sogar rüber auf den Cerro Torres im Torres del Paine Nationalpark sehen.

Und siehe da: Wir übernachten auf einem kostenlosen Campingplatz im kostenlosen Nationalpark und begeben uns am nächsten Tag zu einem Wanderweg, der ebenfalls nichts kostet. Hier sind wir komplett ungestört, es ist ein außergewöhnlich schöner Platz. So geht es auch.

Was will man mehr?

Der Wanderweg führt und über 1095 Höhenmeter auf den Cerro Cristal. Und das über einen Naturpfad, der wahrlich nichts für untrainierte Beine ist. Anstatt eines sanften Aufstiegs über Serpentinen – wie man das sonst von Wanderwegen so gewohnt ist – geht es geradewegs in steilen Schritten hoch. Wer auch immer diesen Weg angelegt hat, hatte es äußerst eilig, den Gipfel zu erreichen und war sehr zuversichtlich im Hinblick auf die Kondition der zukünftigen Wanderer.

So ein Anstieg ist harter Tobak. Vor allem, wenn man einige Zeit nicht mehr gewandert ist. Hinzu kommt, dass sich das Wetter in den Bergen schlagartig ändern kann. So haben wir immer mal wieder heftigen Regen, der sich mit Sonnenschein im Minutentakt abwechselt. Es wird zum echten Kampf. Ich brauche mehrere Pausen und guten Zuspruch von Moe, um mich doch nach mehreren Momenten der Resignation hochzuquälen. All die Mühen sind jedoch vergessen, als wir den tollen Ausblick über die Seen- und Berglandschaft genießen können. Von hier oben sehen wir auch den riesigen Gletscher, den wir uns morgen aus der Nähe anschauen möchten. Beim Wandern wird man eben doch immer reich belohnt, deswegen liebe ich es so.

Kurz Kraft tanken und Aussicht genießen bevor es weitergeht

Die letzten Meter zum düsteren Gipfel sind extrem steil und wir werden noch mal richtig nass

Ein Biest von einem Gletscher

Der nächste Morgen beginnt mit einem harten Schlag. Als ich aus dem Zelt krieche, sehe ich schon an Moes Gesicht, dass irgendetwas nicht stimmt. “Die Kamera ist kaputt” entgegnet er mir niedergeschlagen, als ich frage, was los ist. Gestern versicherte mir Moe noch, dass die Kamera wasserdicht sei, trotzdem ist bei dem Fotografieren im starken Regen wohl etwas durch das Objektiv in die Kamera gedrungen. Wir versuchen alles, um das Problem zu beheben, bleiben jedoch erfoglos. Die Kamera können wir vorerst vergessen.

Auch, wenn wir uns nun mit etwas weniger zufrieden geben müssen, sind wir in diesem Moment froh, dass wir eine kleinere Ersatzkamera dabei haben.

Als wir vor dem Perito Moreno-Gletscher stehen, wollen gar nicht daran denken, wie ärgerlich es jetzt ohne Kamera wäre. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, so nah vor diesem Koloss zu stehen. Immer wieder brechen große Eisstücke mit einem gewaltigen Lärm ab, bevor sie ins Wasser stürzen. Wie so oft, kommen wir uns im Angesicht dieser Macht der Natur wirklich, wirklich klein vor. Die Ausstrahlung dieses Titans lässt sich nur schwer in einem Bild festhalten.

Wenn man Glück hat, sieht man riesige Eisbrocken ins Wasser stürzen

Goodbye, ihr schönen Berge!

Der Fitz Roy Trek: Berge aus dem Bilderbuch

Etwas weiter nödlich fahren wir erneut in den Nationalpark der Gletscher. Die Fahrt ist mächtig kalt, nebelig und regnerisch. Schade, dass die imposanten Berge, die El Chalten umgeben, bei der Einfahrt zu unserem Ziel in dicken Nebel gehüllt sind. Wir sind völlig durchgefroren als wir ankommen.

Doch am nächsten Tag sieht es schon wieder ganz anders aus. Bei strahlendem Sonnenschein starten wir eine Tour, auf die ich mich schon sehr lange freue: Es geht zum Fitz Roy.

Obwohl wir schon Nebensaison haben, sind wir nicht die einzigen, die sich heute dieses Ziel gesteckt haben. Einsame Wanderwege sucht man hier vergeblich. Aber bei diesem Trek ist es absolut kein Wunder, dass sich rumgesprochen hat, wie schön es hier ist. Auf dem gut ausgebauten 10 km langen Weg zur Laguna de los Tres kommen wir schon nach wenigen Schritten an sagenhaften Ausblicken auf’s Tal vorbei. Im Gegensatz zu unserer vorherigen Wanderung zum Cerro Cristal, hat man hier einen sehr sanften Aufstieg entlang eines kleinen Naturpfades, der sehr gepflegt ist. Es ist unheimlich schön und abwechlungsreich. Nach einer halben Stunde erreichen wir dann schließlich den Punkt, von dem man eine der wohl schönsten und eindrucksvollsten Bergspitzen der Welt erblickt: Da ist er, der Fitz Roy. Uns haut dieser Anblick einfach um!

Der Trek fängt schon vielversprechend an

Endlich erblicken wir die eindrucksvollen Spitzen. Was für ein Glück, dass wir heute so ein traumhaftes Wetter haben

Gibt es einen schöneren Ort, um eine Brotzeit einzulegen?

Auf den nächsten Kilometern begleitet die epische Aussicht unseren Weg. Ständig bleiben wir stehen und lassen uns von den göttlichen Bergen in den Bann ziehen. Ich kann kaum glauben, dass ich endlich hier bin! Der vielseitige Weg hat noch einiges zu bieten: Wir streifen durch magische Wälder, durchqueren weite Täler, springen über schroffe Felsplatten und rasten am reißenden Fluss. Schöner kann wandern nicht sein (naja, vielleicht wäre es noch schöner, wenn wir den Weg für uns alleine hätten, aber ich will ja echt nicht meckern).

Der letzte Teil der Strecke hinauf zur Laguna de los Tres ist etwas anspruchsvoller. Der recht zügige Aufstieg über große Steinplatten ist der Grund, wieso dieser Weg als “schwierig” auf der Wanderskala eingestuft wird. Pah, für uns ist das gar nichts, nachdem wir zum Cerro Cristal gewandert sind! Der Schwierigkeitsgrad dort gilt übrigens als “mittel” – warum auch immer. Da es nun bei vielen der Wanderer etwas langsamer voran geht, staut es sich hier besonders. Jetzt sind es uns echt zu viele Menschen. Ständig muss man auf dem Weg nach oben warten, weil man Runterkommende durchlassen oder sich durch Langsame ausbremsen lassen muss. Weil wir uns oben angekommen noch recht fit fühlen, machen wir noch eine Extratour und wandern durch ein tolles Stückchen Wald hinüber zum Gletscher Piedras Blancas. Als wir ihn erreichen ist erleider in Nebel gehüllt, egal, der Weg war toll. Nach der 24 km langen Tagestour kehren wir schlapp und glücklich wieder zurück zu unserem Zelt. Hier müssen wir auf jeden Fall noch mehr wandern. Wir machen einen Tag Schlechtwetterpause und wollen übermorgen in Richtung Cerro Torre aufbrechen.

Erstmal einen Gipfelschnaps!

Der höchste Punkt: die Laguna de los Tres

Auch der Rückweg offenbart schöne neue Perspektiven