Da uns der Fitz Roy Trek so außerordentlich gut gefallen hat, erkunden wir die Gegend rund um El Chalten noch ein bisschen. Nachts peitscht hier der Wind so stark, dass der ohrenbetäubende Lärm der flatternden Zeltwände uns kaum schlafen lässt. Nun lassen wir die Berge und ein von Backpackern überflutetes Hostel hinter uns, um uns der Carretera Austral zu nähern. Die Traumstraße durch den Süden Chiles ist für ihre zahlreichen Nationalparks bekannt. Jedoch hat sie auch den Ruf einer recht abenteuerlichen Straße, denn sie führt größtenteils über unbefestigte Wege.

Auch die zweite Wanderung rund um El Chalten hat sich gelohnt

Der Kampf bis Perito Moreno

Bis wir jedoch endlich dorthin gelangen, haben wir noch etliche Kilometer durch die Einöde zu überwinden. Da es keine geschützten Übernachtungsplätze entlang der Strecke gibt, müssen wir uns stundenlang durch Kälte und schließlich auch durch Dunkelheit kämpfen. Als wir dann in dem kleinen Städtchen Perito Moreno ankommen (richtig, es heißt so wie der Berg und der Gletscher, die wir vor zahlreichen Kilometern besucht haben) ist es bereits 10 Uhr abends. Wir sind glücklich, dass wir es geschafft haben. Der heftige Gegenwind ließ die Tankanzeige schneller denn je sinken und wir hatten schon unsere Zweifel, ob wir es – trotz Schneckentempo im fünften Gang- noch schaffen würden. Zitternd suche ich auf dem Handy nach einem Campingplatz. Ein kleiner ist ganz in der Nähe – Also, auf geht’s! Angekommen steige ich ab und stehe vor einem verschlossenem Tor. Ein kleines Schild ist oben angebracht: “Mini Camping Raúl”.

Ist da jemand?

“Ich glaub, das ist geschlossen”, meint Moe zu mir. Kann doch nicht wahr sein. Wenn ich mich nicht irre, brennt innen noch ein kleines Licht. Ich rüttel am Tor und rufe laut, aber es passiert einfach nichts. Scheiße! Ich hab keine Lust mehr, woanders hinzufahren. Dafür ist es viel zu spät und wir sind viel zu müde. Ich öffne das Tor von innen, schleiche mich durch den Vorgarten und schaue vorsichtig durch’s Fenster in die kleine Stube. Ein alter Mann sitzt vor einem winzigen Fernseher. Nach kurzem Klopfen öffne ich langsam die Tür und stehe mitten im Wohn-, Ess- und Schlafzimmer des Mannes, das auch über eine kleine Kochnische verfügt. Es ist absolut winzig. Erst als ich wiederholt grüße, löst sich der Blick des Mannes vom Fernseher. Sofort springt er auf. “Adelante, adelante” (“Herein, herein”) ruft er mir laut entgegen. Er redet schnell auf mich ein. Nun sehe ich auch sein Gesicht, es ist voller tiefer Falten, strahlt zugleich aber eine große Energie aus. Eine Dreadlock hängt von seinem sonnengebräuntem Kopf herunter. Ich komme gar nicht dazu, ihm zu erklären, dass noch ein Motorrad und Moe vor dem Tor warten. Der Mann stürmt nach draußen, öffnet das Tor, und gestikuliert wild vor sich hin. Als Moe das Motorrad in seinem Garten abstellt, fragt er uns als erstes nach unseren Namen, stellt sich schließlich als Raúl vor und bietet uns sofort Kaffee und Tee an. Ich bin verwirrt. Das ist hier doch ein Campingplatz, oder?

Das etwas andere Campingerlebnis

Fortredent zeigt Raul uns sein kleines Reich. Der gepflegte Rasen in seinem Garten ist ideal für Zelte, die große Campingküche purer Luxus. Er zündet sofort sämtliche Gasplatten auf dem professionellen Gastronomie-Herd an, um den großen Raum aufzuwärmen. “Ihr könnt auch hier drinnen schlafen, es ist kalt draußen”. Moe und ich schauen uns ungläubig an. So eine tolle Küche haben wir sonst nirgendwo gesehen. Ich sage Raúl, dass wir ja eigentlich zelten wollen. “Wie ihr wollt”, entgegnet er. Während ich den Kochtopf und unser Essen aus der Packtasche hole, winkt er Moe zu sich. Die beiden verschwinden in Raúls kleiner Stube.

“Er will, dass wir in seiner Küche kochen” entgegnet mir Moe, als er schließlich wiederkommt. “Ernsthaft?” Ich weiß nicht, was ich von dem Typ halten soll. Er hat doch diese riesige Küche für seine Gäste, die er jetzt auch schon munter am heizen ist. Wir können uns doch nicht einfach mitten in seinen Wohnraum stellen. Außerdem bin ich viel zu müde für soziale Interaktion. Ich bitte Moe darum, das Ganze dankend abzulehnen. “Raúl war ein bisschen traurig und enttäuscht”, sagt er mir anschließend. Jetzt hab ich ein schlechtes Gewissen. Während ich mir noch Gedanken darüber mache, ob der Mann vielleicht zu einsam ist, steht er auch schon wieder auf der Matte. Ganz nach dem Motto “wenn ihr nicht zu mir kommt, dann komme ich zu euch”, setzt er sich mit seinem Mate-Tee direkt zu uns an den Tisch.

Lange bleibt er jedoch nicht dort sitzen. Als er unsere Kochutensilien erblickt, springt er sofort auf und sagt, wir sollten doch seine Sachen benutzen. Aber wir haben doch alles, was wir brauchen. Keine Chance: Raúl holt nach und nach seine halbe Kücheneinrichtung rüber und preist die Nützlichkeit dieser Dinge für uns an. Nun gut, der alte Mann rennt hin und her, dann schneiden wir eben auf seinem Brettchen, trinken seinen Tee und essen heute mit seiner Gabel. Moe und ich sind nun recht belustigt von der Komik dieser Situation. Es ist eine One-Man-Show, und obwohl wir nur die Hälfte verstehen – was Raúl absolut nicht stört – fühlen wir uns bestens unterhalten. Als Raúl plötzlich mit einem Stapel selbstgebackenem Brot um die Ecke kommt, sind wir völlig baff. Und da Widerstand hier sowieso zwecklos ist, nehmen wir es besser direkt an. Es ist das köstlichste Brot, das wir seit Beginn unserer Reise zu essen bekommen. Wir laden Raúl dazu ein, mit uns zu Abend zu essen. Natürlich lehnt er das ab. Er ist einfach zu großzügig, als dass er von seinen Gästen Essen annehmen würde.

Mit strahlenden Augen erzählt er uns von Menschen aus aller Welt, die er bereits bei sich hatte, und zeigt uns mit großen Stolz, die Gästebücher, in die sie sich verewigt haben. Jeder in seiner eigenen Sprache, das will er so, auch wenn er es nicht versteht. Sofort schlägt er die Seiten der deutschen und schweizer Besucher auf und hält sie uns unter die Nase. Ich schmeiß’ mich weg vor Lachen, als ich über die Eindrücke der anderen lese, denen es genau so wie uns ergangen ist. Zwischen den Zeilen wie “das Klo ist der einzige Ort, wo ich meine Ruhe habe” und “wir wollten schon vor Stunden weg, aber er lässt uns einfach nicht gehen” steht jedoch auch eine tiefe Sympathie für diesen Mann und große Dankbarkeit geschrieben. Langsam bin ich echt froh, dass wir heute so eine anstrengende Etappe gewählt haben – sonst wären wir niemals hier gelandet. Raúl will alles über uns wissen, zeigt uns Bilder seiner Familie und spielt uns englische Whatsapp-Sprachnachrichten ehemaliger Besucher vor. Manchmal macht er das auch alles gleichzeitig, was uns ein paar mal vor große Herausforderungen des Multitaskings stellt. Was hat dieser Mann für eine Energie und wie souverän kann ein 74-Jähriger eigentlich ein Smartphone bedienen? Ich bin fasziniert. Vollgestopft bis oben hin und hundemunde entschließen wir uns doch für das Nachtlager in der warmen Küche. Ich schlafe tief und glücklich ein.

Ein schwerer Abschied

Am nächsten Morgen sind wir froh, dass wir die Küchentür wegen des Windes von innen verriegeln mussten: Sonst hätte jemand garantiert schon früh morgens neben unseren Schlafsäcken gestanden. Kaum gehe ich zum Motorrad, ist Raúl auch schon da. “Kaffee, Tee, Brot?” Er liest uns alle Wünsche von den Augen ab, von denen wir selbst noch gar nichts wussten. Als ich unter der heißen Dusche stehe, muss ich an meine Mutter denken. Ihrem Hilfs- und Versorgungsdrang musste ich mich auch immer wieder geschlagen geben (Hallo Mama! Wenn du das hier liest, ich hab dich lieb). Zurück in der Küche geht das Spektakel genau so weiter, wie es am Vorabend aufgehört hat. Raúl wiederholt seine Aussagen sehr gerne und so hören wir ungefähr 136 mal, wie schön unsere Reise oder wie schwer unser Motorrad ist.

Zeit vergeht wie im Flug und als ich Raúl sage, dass wir heute noch nach Chile fahren wollen, sehe ich große Enttäuschung in seinem Gesicht. “Aber ihr kommt doch wieder?”, fragt er mich. Ich erkläre ihm, dass das nicht möglich sei, da wir bald Besuch von einem Freund in Santiago bekommen und fühle mich schon fast schlecht dabei. Ich beginne, ihm ein paar nette Zeilen in sein Gästebuch zu schreiben, während er unaufhörlich vor sich herbrabbelt. Dann versuche ich ihm alles zu übersetzen. Oh, ich hab lange nicht mehr so viel gelacht. Schließlich bepacken wir das Motorrad zusammen. Ach ja, bezahlen müssen wir ja auch noch. Der Spaß kostet lächerliche zwei Euro pro Person, die eher einen symbolischen Wert haben, als alles andere. Raúl macht es nicht für die Kohle, das Teilen mit Reisenden ist seine Leidenschaft. Zum Abschied gibt es einen dicken Kuss auf die Wange, später auf den Helm. Adios und alles Gute, Raúl!

Gaudi an der Grenze

Bei strahlenden Sonnenschein fahren wir entlang des großen Sees Gral Carrera zur chilenischen Grenze, an der uns ein besonderer Spaß erwartet. “Alles vom Motorrad abpacken, bitte.” Äh – bitte was?! Wir haben ja schon zwei Mal vorher die Einreise nach Chile samt Lebensmittelkontrollen erlebt, aber hier wird es wohl besonders ernst genommen. Da mitleidiges Gucken nichts hilft, dürfen wir alle Koffer und Taschen abnehmen, um sie durch den Sicherheitsscanner zu schicken. Nichts interessantes drin, also alles wieder zurück ans Mopped. Wir können nur erahnen, wie lustig diese Angelegenheit mit Motorrädern sein muss, bei denen man die Koffer komplett abschrauben muss…

So riecht das Abenteuer

Nun gut, wir sind jetzt wieder in Chile, auf direktem Weg zur Carretera Austral. Kurz hinter der Grenze endet auch schon die asphaliterte Straße. Dunkle Wolken tauchen die schneebedeckten Berge in ein dramatisches Licht. Wir befinden uns plötzlich in atemberaubender Landschaft, voller Felshänge, Schluchten und dem großen, türkis strahlendem See direkt neben uns. Nun geht es rauf und runter, links und rechts über steile Hänge. Kurve um Kurve fragen wir uns, was wohl als nächstes kommen mag. Durch den immer stärker werdenden Regen hat sich die Strecke in eine schlammige Matschpiste verwandelt. Tiefe Rillen im Boden sind mit Wasser gefüllt, es ist, ale würden wir auf einem Waschbrett fahren. “Hoffentlich kriegen wir die nächste Kurve, hoffentlich kommt kein Auto, hoffentlich müssen wir nicht bremsen” wieder und wieder rasen mir diese Gedanken durch den Kopf. Nicht nur einmal rutscht das Hinterrad weg, nicht nur einmal fliegen wir über Schlaglöcher und schlagen hart auf dem Boden auf.

Durch die feuchte Luft wird ein himmlisch süßer Duft getragen, der manchmal so intensiv ist, dass es mir fast den Verstand raubt. Es riecht süßer als süß, so süß wie ein Bad voller Gummibären, in das ich mich sofort reinlegen möchte. Es ist der Duft des wahren Abenteuers (später erfahren wir, dass es sich wahrscheinlich um den Duft von wilder Minze gehandelt hat). Wir sind inzwischen klatschnass, doch hiervon bekommen wir nicht genug. Durch die andauernde Vibration löst sich dann auch noch die Schraube am Lenker. Handprotektor und Lenkerende machen den Abgang. Also, zurücklaufen und einsammeln. Wie schnell hat sich dieser friedliche Tag in ein endzeitliches Szenario gewendet. Moe und ich haben den größten Spaß, auch wenn, oder gerade weil es mit echten Nervenkitzel verbunden ist.

Höhepunkt der Komik stellt die mit zwei Litern gefüllte Wasserblase dar, die beim Bergauffahren plötzlich auf Moes Fuß landet. Mit hoher Professionalität balanciert Moe das Ding bis zur Kuppe, wo wir dann anhalten und sie wieder wegpacken können. Sie ist beim Fahren aus dem Tankrucksack gerutscht. In freudiger Erwartung auf das, was und hier im Süden Chiles noch alles so erwarten mag, schlagen wir hinter einer ruhigen Ecke unser Zelt auf. Der Auftakt war phenomenal.

Am nächsten Morgen strahlt der See wieder

Der Tiger muss manchmal ganz schön was mitmachen…

Da uns dann doch ein Teil des Lenkerendes verloren gegangen ist, mussten wir mal wieder improvisieren 😀

Mit dem ganzen Dreck lässt sich unsere Mission herrlich auf den Koffer schreiben