Zentralamerika: Eine Episode der Gegensätze

Was für eine Veränderung! Nach einem Monat im ruhigen Kuba gehen wir ausgerechnet im Herzen des Massentourismus von Land: die Yucatan-Halbinsel. Sie ist die beliebteste Urlaubsdestination von Mexiko und wir erleben geradezu einen Kulturschock: Nach Pferdekutschen, alten Kolonialbauten und kleinen Pizzabuden auf Kuba befinden wir uns hier inmitten von rasenden SUVs, Mega Malls und globalen Fast-Food-Ketten.

Hach, das sind sie also: die Errungenschaften des Kapitalismus. In endlosen Supermarkt-Regalen findet jeder Kunde eine Sorte Klopapier, die individuell zur Persönlichkeit passt. Ja, sogar das Street Food wird in Cancún mit Trip-Advisor-Bewertungen beworben. Ich freue mich über viele Lebensmittel, die ich schon lange vermisst habe (richtiger Naturjoghurt und Käse!). Endlich lassen sich zerschlissene (Reise-)Klamotten durch ansehnliche ersetzen. Und auch die Bremsscheiben und Beläge des alten Tigers bekommen wir hier ganz unkompliziert erneuert.

Die andere Stadt

Obwohl wir vorher ausdrücklich gewarnt worden sind, bin ich eigentlich ganz positiv überrascht von Cancún. Schließlich ist diese Stadt ein Phänomen, wenn man bedenkt, dass die “Kopie Floridas” vor nur 50 Jahren komplett aus dem Boden gestampft worden ist. Damals wollte die mexikanische Regierung Urlauber gezielt auch in den Südosten des Landes locken. Die schmale Nehrung Cancún mit ein paar Fischerdörfern wurde als perfekter Ort zu Tourismuszwecken befunden und ein Damm errichtet – analog zur Entwicklung von Miami Beach in Florida. Mit der Hilfe internationaler Privatinvestoren entstanden immer mehr Hotels am Karikibstrand, ein internationaler Flughafen und eine riesige Urlaubsindustrie. Der Plan ist also aufgegangen. Heute ist Cancún im Tourismus ganz vorne mit dabei und ein Hotspot für die alljährlichen Eskalationen des US-amerikanischen Spring Break.

Klingt schlimm, aber ich kann Cancún auch etwas abgewinnen. Das liegt erstens daran, dass es im jungen Cancún weder einen zentralen Platz, noch sonstige historische Bauwerke gibt. Dafür gibt es so breite Straßen wie noch nie und nachts leuchtet alles in verschiedenen Farben. Diese Stadt ist einfach anders als alles, was wir in den letzten Jahren in Lateinamerika gesehen haben und deswegen gefällt es mir. Zweitens haben wir uns nicht in einem der typischen Strandhotels, sondern im Hostel auf dem Festland-Teil der Stadt einquartiert. Hier wohnen die vielen Menschen, die im Tourismus und in nachgeschalteten Betrieben arbeiten (dadurch ist es entsprechend ruhiger). Das nächtliche Spektakel auf der Partymeile am anderen Ende der Stadt schauen wir uns aus Neugier aber auch mal an. Es heißt, die aufgeführten Shows hier könnten locker mit Las Vegas mithalten.

An den Küstenrand gebunden

Unser Freund Alex hat wieder mit Spontaneität geglänzt und besucht uns ein zweites Mal auf dieser Reise. Dieses Mal hat er Pia mitgebracht und sie mieten sich Rolf, einen Mini-Van. Das einzige Problem – von dem wir leider erst bei unserer Ankunft in Mexiko mit der Stahlratte von Käpt’n Lulu erfahren – ist, dass wir in den Bundesstaat Quintana Roo unsere Motorräder nicht temporär importieren können. Wir bekommen lediglich einen Gesetzestext, der besagt, dass wir legal unterwegs sind. Aber nur, solange wir uns nicht mehr als 20 Kilometer von der (natürlichen) Grenze entfernen. Ziemlich frustrierend, denn das bedeutet, dass wir uns auf direktem Weg zur Grenze nach Belize begeben müssten.

Trotz unseres – nicht ganz unberechtigten – Respekts vor der mexikanischen Polizei fahren wir unerlaubterweise ein Stück weit in den nächsten Bundesstaat und besuchen die schöne Insel Holbox. Sie ist zwar auch nicht ganz untouristisch, hat aber karibischen Traumstrand und lumineszierendes Wasser, also Algen, die das Wasser bei Bewegung zum Glitzern bringen (sorry, das lässt sich nicht fotografieren).

Mir gefällt auch die Piste von El Cuyo nach Rio Lagartos
Hier finden wir einen schönen (und windigen) Wildcampingplatz, direkt am Golf von Mexiko
Praktisch, wenn man ein Auto dabei hat: kaltes Bier am Abend
Mikroorganismen, Algen und Salzwasserkrebse, die zum Teil den Farbstoff Beta-Carotin produzieren, lassen nicht nur die Federn dieser Vögel pink werden… 
…sondern auch Lagunen. Las Coloradas ist ein seltsamer Ort, wo man Geld dafür bezahlen soll, um an die beste Stelle für Selfies zu gelangen

Alles geht gut und nicht unsere Dokumente der Tiger, sondern der Van von Pia und Alex wird von der Polizei genauestens untersucht. Nach diesem Abstecher wollen wir unser Glück aber nicht zu sehr auf die Probe stellen und fahren über Valladolid, wo es eigentlich noch mehr zu entdecken gäbe, wieder zurück auf die erlaubten Straßen in den Süden.

Entlang der Küste gibt es noch andere Touristenfallen wie Tulum und Bacalar, wo es zwar ganz hübsch ist, aber irgendwie auch seelenlos. Das authentische Mexiko werden wir hier nicht finden. Erwartet habe ich das aber auch nicht.

Das Land, das aus der Reihe tanzt

Dann steht Belize an. Über dieses kleine Land in Zentralamerika haben wir vor unserer Reise eigentlich noch so überhaupt nichts gewusst. Ganz ehrlich: Wann hört man schon mal was darüber?

Was wir während unserer Reise von Anderen so aufschnappen, ist auch nicht die beste Werbung: Belize ist teuer, heiß und hat nicht sonderlich viel zu bieten. Es scheint also nicht so tragisch, dass wir diesem Land nicht viel Zeit schenken können. Mein Fazit nach drei Tagen: Obwohl an den Vorurteilen schon etwas dran ist, wäre es natürlich unfair zu behaupten, dass diesem Land keine Zeit gebühren würde.

Ein Zeltplatz direkt am kühlen Fluss, wo wir die ganze Nacht ein Konzert von den Brüllaffen bekommen

Dass Belize etwas aus der Reihe tanzt, lässt sich sehen und hören. Rund ein Drittel der Menschen, die hier leben, hat afrikanische Wurzeln, etwa 30% der Bevölkerung ist unter 14 Jahre alt und es wird mit dem Belize Dollar gezahlt, der an den US-amerikanischen gebunden ist (1 USD = 2 BZ$).

Unerwartet und schön: Belize versteht es, positive Vibes zu verbreiten. Schon an der Grenze herrscht eine total entspannte und wohlgesonnene Stimmung. Auf unserer Durchquerung begegnen uns durchgängig freundliche Gesichter. Sogar die Moppedfahrer grüßen, was wir kaum noch gewohnt sind. Noch ungewohnter ist aber, dass Englisch hier Amtssprache ist und wir nach so langer Zeit nicht anders können, als auf Spanisch zu grüßen, wodurch wir einige irritierte Blicke ernten.

Verboten ist, was Spaß macht

Den spannendsten Einblick in einen kleinen Teil dieses Landes bekommen wir jedoch gar nicht in Belize selbst, sondern auf einem Campingplatz direkt vor der Landesgrenze. Hier taucht eine riesige Gruppe von ganz sonderbar gekleideten Menschen auf, die ihre eigene Sprache spricht und mehrmals am Tag betet: Mennoniten. 

Von den Anhängern dieser evangelischen Freikirche hatten wir noch nie gehört und beobachten demnach gespannt das Treiben unserer Zeltnachbarn. Nebenbei machen wir uns im Internet schlau und kommen schließlich auch in’s Gespräch. Das haben wir herausgefunden:

Die Mennoniten stammen ursprünglich aus Deutschland und den Niederlanden, wo sie aber schon früh aufgrund von Verfolgung und rechtlichen Beschränkungen in die ganze Welt auswanderten. Unter den verschiedenen mennonitischen Gemeinschaften gibt es ein weites Spektrum von Ausrichtungen. Besonders Konservative lehnen nicht nur moderne Technik wie z. B. Autos und Elektrizität ab, sondern auch “alles, was Spaß macht” – beispielsweise Witze, Musik und Kartenspielen. Von der modernen Gesellschaft ziehen sie sich zurück, um ein einfaches, von konservativen Wertvorstellungen beherrschtes Leben zu führen.

Die Gruppe hier zählt definitiv zu den progressiveren, denn sie sind mit mehreren Autos und nicht mit der Pferdekutsche gekommen. Sonstige Technik scheint es bei ihnen aber nicht zu geben. Uns fallen besonders die strengen Geschlechterrollen auf, die sich auch in der Kleidung ausdrücken: Frauen tragen lange, verschlossene Kleider mit einer Schürze und einem Hut, während Männer schwarze Hosen und karierte Hemden tragen. Kein einziges Mal in diesen drei Tagen spricht in der Gruppe auch nur eine der Frauen.

Das Paradies mit interessanten Nachbarn

Zwei Welten treffen aufeinander

Die Gemeinden in Belize sind 1958 in das Land immigriert, nachdem sich ihre Prinzipien mit dem Leben in Kanada und Mexiko – wo sie vorher ansässig waren – nicht mehr vereinen ließen. Die Mennoniten verhandelten mit Belize und bekamen Land garantiert, auf dem sie leben und wirtschaften können; die Sicherheit, ihre Religion frei von Verfolgung auszuüben und das Versprechen, vom Militärdienst befreit zu sein. Als Gegenleistung brachten sie großflächige Landwirtschaft in das Land, für die es damals einen großen Bedarf gab. Bis heute zahlen sie alle Steuern, nehmen jedoch an keiner Form von Sozialfürsorgeprogrammen teil.

Die belizianischen Mennoniten sprechen fließend Englisch und Spanisch, untereinander aber Plaut­dietsch, eine alte Form Plattdeutsch. Davon verstehen wir kein Wort, doch wir können uns mit ihnen sogar auf Hochdeutsch unterhalten. Das wird in ihren Schulen gelehrt.

Sie leben von Farmarbeit und Handwerk. Obwohl die Mennoniten nur 3,7 Prozent der Bevölkerung von Belize ausmachen, produzieren sie (wohlgemerkt teilweise mit dem Verzicht auf jegliche Technik!) über 85% des Geflügels und der Milchprodukte des Landes. Der Schlüssel zu diesem wirtschaftlichem Erfolg liegt in ihrem Glauben. Demnach wird nämlich die Ausführung von Arbeit mit höchstem Fleiß als Erfüllung der irdischen Pflichten angesehen, die der Erlangung des Wohlgefallens Gottes dienen. Beruf wird somit zur Berufung und da die Mennoniten das erworbene Geld für keinerlei “Luxus” ausgeben, sondern asketisch sparen, wird es in noch mehr Land reinvestiert. Der Geist des Kapitalismus in seiner reinsten Form.

Im Gespräch erzählen wir auch ein bisschen aus unserem Leben, wobei sich direkt eine riesige Traube von Kindern um uns bildet. Wir werden mit großen Augen angeschaut. Ich frage mich, wie sie uns wohl sehen. Mit den Moppeds, Laptops, Smartphones und unserer Lebenslust müssen wir doch den Inbegriff der Sünde für sie darstellen.

Das Aufeinandertreffen bleibt ein kleiner Einblick in eine streng religiöse Parallelwelt, deren Disziplin und Einfachheit uns fasziniert, gleichzeitig aber auch bedrückt zurücklässt. Ein so freudloses und ernsthaftes Leben hat für uns einen traurigen Klang.

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