Dass man nie voreilig über jemanden urteilen sollte, hat uns unser Aufenthalt in Malargüe wieder einmal bewiesen. Wir haben beschlossen, eine Weile auf dem Campingplatz der argentinischen Kleinstadt zu verbleiben, um uns von den Strapazen der Wanderung auf dem Condor Circuit zu erholen. Vor allem müssen wir uns kulinarisch mal wieder was gönnen, denn seitdem wir von einigen Monaten vom Frachter gestiegen sind, haben wir viel zu viel Gewicht verloren. Sieben Kilo sind es bei mir, bei Moe sogar zweiundzwanzig. Ja, ich habe mich hier nicht vertippt: Zweiundzwanzig. Ein Beweis dafür, dass unsere Art zu Reisen nichts mit einem Dauerurlaub zu tun hat. Manchmal kostet es uns mehr Energie, als wir zu uns nehmen können.

Es war ein sonniger Tag am Wochenende, als gegen die Mittagszeit eine kleine Familie auf den Campingplatz gefahren kam, um ein Asado (die südamerikanische Art zu Grillen) zu starten.

Das Asado ist in Argentinien ein wahrer Volkssport. Egal zu welcher Tageszeit und egal bei welchem Wetter – gegrillt wird immer und überall. Meist ist die ganze Familie bei dem Event dabei, das über mehrere Stunden zelebriert wird. Darüber hinaus ist Argentinien auch eine richtige Campingnation. Jeder auch noch so kleine Ort verfügt über einen öffentlichen Campingplatz, auf dem man für kleines Geld übernachten oder eben auch ein Asado veranstalten kann. Eine Kultur, die uns sehr gut gefällt.

Nun kommt also diese kleine Familie, sucht sich den Platz direkt neben uns aus und dreht erst einmal die Musik so richtig laut auf. Auch das ist in Argentinien völlig normal. An solchen Ruhestörungen – wie sie in Deutschland wahrscheinlich geschimpft werden würden – stört sich der Argentinier in der Regel nicht.
Moe sitzt derweil in der Nähe der Rezeption, weil es dort ein, wenn auch schwaches, WLAN gibt. Als ich zu ihm komme, erzähle ich ihm entnervt von den schlechten Neuigkeiten: “Wir haben mal wieder so Assis neben uns, die dem ganzen Campingplatz ihren schlechten Musikgeschmack aufdrängen müssen”, beklage ich mich.
Als wir später wieder an unseren Platz zurückkehren, sind die unliebsamen Nachbarn leider noch da. Sie essen gerade – immer noch bei lauter Musik. “Ich hab’s dir gesagt”, bemerke ich, während wir uns auf die Bank setzen.

Keine fünf Minuten später machen wir jedoch ganz große Augen, als wir plötzlich ein Tablett voller Grillleckereien von unseren Nachbarn vorgesetzt bekommen. Einfach so. Und so kommt es, dass sich ein Gespräch über die Stationen unserer Reise, die Unterschiede zwischen Argentinien und Deutschland und Reiseempfehlungen mit Veronica, Daniel und ihrer kleinen Tochter Luciana entwickelt, während wir mit zahlreichen Leckerein durchgefüttert werden. Dazu wird mit Fernet-Cola angestoßen.

Schließlich stellt Veronica uns die Frage, ob wir denn schon etwas von Malargüe gesehen hätten. Nein, dazu sind wir noch nicht gekommen. Veronica schaut mich an “Vamos?” (“Gehen wir?”) Äh, jetzt? Ich überlege nicht lange: “Si, vamos!” So eine Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen. Sofort wird eilig zusammengepackt und Veronica und Daniel verraten uns, dass sie uns einen ganz besonderen Ort zeigen möchten. “Nehmt die Kamera mit”, ruft uns Daniel entgegen. Während ich meine Jacke aus dem Zelt hole, zieht Moe mich damit auf, dass ich vorher noch über unsere Nachbarn gelästert habe. Ja, da hab ich wohl zu schnell geurteilt. Ich lasse mich jedoch gerne eines Besseren belehren. Deshalb geht man ja auch schließlich auf Reisen, oder?

Wir fahren zu den Castillos de Pincheira, in deren Höhlen sich der Legende nach chilenische Banditen versteckt haben sollen, wie mir Daniel erklärt

Ganz oben gibt’s die beste Aussicht!

Valle Hermoso

Ein paar Tage später, an Moe’s Geburtstag, sind wir immer noch in Malargüe. Wir machen einen Tagesausflug ins nahegelegene Valle Hermoso. Auch mal schön, mit etwas weniger Gepäck unterwegs zu sein.

Moppedpause

Wir fahren weiter nach Santiago de Chile. Jendrik aus Marburg kommt uns bald besuchen und vorher gilt es noch ein paar Dinge in der Hauptstadt Chiles zu erledigen. Wir haben uns für diese Zeit bei einem Observatorium einquartiert, das außerhalb der Stadt in den Bergen liegt.
Zuerst kommt der Tiger in die Werkstatt, damit so mancher Pfusch der letzten Monate ausgebessert werden kann. Außerdem ist es an der Zeit, die alte Kette und ein Ritzel zu wechseln. Wir verbringen einige Tage damit, vergeblich nach den benötigten Ersatzteilen in Santiago zu suchen, um uns schließlich für den Import des Kettenkits vom Triumph-Händler zu entscheiden. Das soll zwischen 30 und 45 Tagen dauern. Da uns sowieso Jendrik besuchen kommt und das Mopped dann ohnehin erstmal stehen bleiben wird, ist das kein Problem.

Die Passstraßen sind immer ein Highlight. Wenn hier nur nicht so viele LKW hier fahren würden…

Ein neuer Zeltbewacher

Doch ein paar Tage später kommt alles anders als geplant: Jendrik hängt am Flughafen in Madrid fest, weil (nicht nur) sein Gepäck auf dem Weg von Frankfurt nach Madrid verloren gegangen ist. Die Fluggesellschaft will ihn nicht weiterfliegen lassen, weil sie kein Gepäck nach Santiago nachliefern. Jendrik bekommt zwar ein Hotelzimmer vor Ort bezahlt, jedoch keine Informationen zur Ankunft seines Gepäcks, in dem sich auch einige wichtige Ersatzteile aus Deutschland für uns befinden. Stattdessen wird er ständig auf “morgen” vertröstet. Als ihm nach vier Tagen ein kostenloser Rückflug nach Frankfurt angeboten wird, nimmt er diesen schließlich an. Er macht sich inzwischen große Sorgen über den Verlust des Gepäcks. Wir können das nur allzu gut nachvollziehen, sind natürlich aber auch schrecklich traurig darüber, dass wir wohl noch einige Zeit warten müssen, bis wir zu dritt in die Anden losziehen können.
Jendrik schickt schließlich das Paket mit den Ersatzteilen aus Deutschland los. Wir haben nun also etwas Wartezeit, die wir am besten mit Reisen überbrücken. Hier mal ohne Motorrad unterwegs zu sein, ist auch eine spannende Erfahrung.

Das Viertel Bellavista in Santiago gefällt uns wegen der vielen Wandmalereien besonders gut