Nach einer längeren Pause in Salta geht es endlich für uns weiter: Wir brechen in die Atacama-Wüste auf. Um dorthin zu gelangen, gibt es genau zwei Grenzpässe: Einen, der allein über Asphalt führt, dafür aber auch länger ist, und einen, der über eine Schotterpiste geht. Wir entscheiden uns für den Schotter. Schließlich können Schotterstraßen auch Spaß machen. Doch was wir fälschlicherweise als 550 Kilometer “easy riding” einstufen, wird physisch wie psychisch zur Herausforderung. Südamerika schafft es doch immer wieder, Überraschungen für uns bereit zu halten.

Aber da war doch noch was…

Genau. Wir hatten Probleme mit unserem Kühlwasser, das auf mysteriöse Weise verloren gegangen ist. Und wir haben sehr viel Zeit in das Auseinanderbauen des Tigers und anschließende Tests investiert. Eine Schwachstelle konnten wir jedoch bis heute nicht finden. Das Wasser scheint weder nach außen (Schläuche, Kühldeckel, Behälter – alles dicht) , noch nach innen – also in das Motoröl – zu entweichen. Es bleibt also fraglich, wo denn nun das Wasser abgeblieben ist. Durch einige Testfahrten konnten wir jedoch feststellen, dass dieses Problem ausschließlich in der Höhe, also ab 3500 Metern und höher, auftritt. Dort konnten wir den erhitzten Motor durch Nachschütten des Kühlwassers wieder beruhigen.

Ein ungeplantes Abenteuer

Aber zurück zum “Sonntagsausflug”: Wir fahren ahnungslos in Richtung der chilenischen Grenze los. Anfangs noch ein wahrer Fahrtraum, wird die Strecke allmählich durchwachsener. Wir verabschieden uns vom Asphalt und fahren vorerst gemütlich über den Schotter.

Ein kleiner Abstecher zur Eisenbahnbrücke “La Polvorilla” auf 4200 Höhenmetern ist auch drin. Später erfahren wir, dass manche wohl auch (verbotenerweise) mit dem Mopped über die Brücke fahren… Nichts für Menschen mit Höhenangst.

Als wir in ein kleines Seitensträßchen abbiegen, bekommen wir schon mal einen Vorgeschmack für die restliche Strecke: Tiefer Sand lässt uns von rechts, nach links, nach rechts und wieder links schaukeln, bis wir schließlich komplett nach rechts umkippen. Immerhin fallen wir schön weich. Schnell packe ich die Kamera aus. Nun gibt es endlich mal wieder die Gelegenheit, ein lustiges Erinnerungsfoto zu schießen.

Anschließend winden wir uns über den Pass immer höher, bis wir auf 4560 Höhenmeter gelangen. Die Sonne hier oben kennt kein Erbarmen, der Wind drückt ins in die Gesichter. Gerade als ich Moe nach einer Pause frage, weil ich müde bin (auch eine Erscheinung der Höhe), biegen wir um die nächste Ecke und landen geradewegs in einem tiefen Sandloch. Rummps – schon liegen wir wieder da. Doch diesmal ist es nicht so lustig: Mir fährt ein schrecklicher Schmerz durch den Fuß. Panisch schreie ich laut auf: “mein Fuß, mein Fuß, ich stecke fest”. Moe hilft mir dabei, ihn unter dem Motorrad rauszuziehen. Während ich versuche, wieder aufzutreten, kommen uns drei Männer aus einem Geländewagen entgegengegerannt. Sie helfen uns dabei, den Tiger wiederaufzustellen.

Ist das wirklich eine Passstraße?

Wir fahren weiter. Oder besser: Wir kriechen weiter. Denn von nun an wird die “Schotterstraße” immer grauenhafter. Eine Sandmulde jagt die nächste und es ist unmöglich, jeder auszuweichen. Folglich wird unsere Laune immer schlechter.

Das Problem an einem Sturz ist ja meistens gar nicht der Sturz an sich, sondern eher der Verlust des Vertrauens. Ich spüre sofort, dass Moe unsicherer fährt. Und auch ich bereite mich nun vor jedem Sandloch darauf vor, dass wir gleich wieder liegen könnten. Das zerrt an den Nerven.

Moe gerät zwangsweise in das nächste tiefe Sandloch. Als wir beim Vorankämpfen fast wieder stürzen, springe ich panisch vom Motorrad ab. Ich sage Moe, dass ich das nicht mehr kann. Lieber steige bei diesen kritischen Passagen ab, als mich noch einmal hinzulegen. Ich habe zu viel Angst, noch einmal auf meinen ohnehin schon kaputten Fuß zu fallen. Während ich vorauslaufe, höre nur noch ein “Nickiii” hinter mir und als ich mich umdrehe, liegt schon wieder das Mopped auf der Seite. Das kann nicht wahr sein.

Die Nerven liegen blank

Ich bereue es wirklich, dass wir uns für diesen Pass entschieden haben. Wütend schmeiße ich meine Handschuhe und den Helm in den Sand. Auf dieser Höhe das Motorrad aus dem Sand zu hieven, ist furchtbar anstrengend.

Es geht weiter, da es weitergehen muss. Die Wüstenlandschaft hier oben mag zwar beeindruckend sein, aber allzu viel bekommen wir davon gar nicht mit. Denn die Konzentration ist stets auf die fünf Meter Straße vor uns gerichtet. Und nirgendswo anders. Eine Sekunde nicht aufgepasst, könnte wieder einen Sturz bedeuten.

Hier sieht die Straße noch echt harmlos aus

Man könnte vielleicht meinen, dass ich diese Fahrt genießen und gelassen in die Ferne schauen könnte – schließlich habe ja gerade nicht ich den Lenker in der Hand. Aber dem ist ganz und gar nicht so, wenn man zu zweit auf einem Töff sitzt. Ist Moe angespannt, bin ich auch angespannt. Und umgekehrt. Wenn wir stürzen, dann stürzen wir beide.

So zweifeln wir am Ende des Tages daran, ob wir uns wirklich die Lagunenroute antun wollen, wenn wir hier schon solche Kämpfe zu führen haben. Die abenteuerliche Strecke im Süden Boliviens wäre eigentlich unser nächstes Ziel gewesen. Doch es ist sicher, dass die Pisten entlang der zahlreichen, farbenfrohen Lagunen nicht weniger sandig sein werden. Wir müssen es uns also noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen…

Der Spaß geht weiter

Nach einer Nacht im Zelt auf 4000 Metern geht es am nächsten Tag mit der freudigen Erkenntnis weiter, dass wir gerade erst Halbzeit haben: Weitere 70 Kilometer warten auf uns.

Wir machen viele Pausen, gehen die Sache langsam an. Doch die Stimmung ist schlecht. Moe klagt seit gestern über dröhnende Kopfschmerzen, die auch durch das Kauen von Kokablättern (die bekanntlich die Symptome der Höhenkrankheit lindern sollen) nicht nachlassen wollen. Wir haben schon viele – auch sandige Straßen – auf dieser Reise erlebt. Doch noch nie haben wir uns einen jeden Kilometer so hart erkämpfen müssen.

Handgelenke kurz entspannen, dann kann’s weitergehen

Ich bedauere, dass ich Moe auf dieser Strecke nicht ablösen kann. Zu hoch und zu schwer ist der Tiger. Zu unerfahren bin ich. Mir ist es unmöglich, das Mopped im Sand wieder hochzureißen. Für Moe ist das ja schon ein unheimlicher Kraftakt.

Ach du lieber, schwerer Tiger!

Ich kann es nicht lassen, Moe zu sagen, dass er mir zuliebe bitte nicht geradewegs durch die Sandlöcher fahren soll. Auch, wenn das drumherum manövrieren uns noch mehr Zeit kostet und unter Umständen auch zum Sturz führen kann. Ich bin einfach an einem Punkt angelangt, wo ich jedes Mal die Krise bekomme, wenn Moe auf das nächste Sandloch zusteuert. Es ist keine einfache Sache, auf solch kritischem Terrain Mitfahrerin zu sein.

Klar, ich bin nicht diejenige, die hier die physische Leistung vollbringt. Doch betrachtet man die psychische Komponente, so ist es – zumindest für mich – eigentlich schwieriger, die Mitfahrerin zu sein, als selbst zu fahren. Denn wenn ich den Lenker in der Hand habe, so habe ich die Kontrolle. Ich kann dort entlangfahren, wo ich die beste Spur sehe und auf jede Situation aktiv reagieren, anstatt so ausgesetzt zu sein. Jeder kennt das Gefühl doch auch beim Autofahren. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, einfach aus der Karre auszusteigen oder mich selbst auf den Fahrersitz zu setzen, weil die Person am Steuer zu schnell in die Kurven gebrettert, Anderen viel zu nah aufgefahren, oder zu selten auf die Straße geschaut hat. Nun, zu der unverantwortlichen Art von Fahrern gehört Moe ganz sicher nicht. Doch der Zustand dieser “Straße” löst bei mir ähnliche Angstzustände aus.

Dass ich mich nun in Moes Fahrstil einmische, bringt ihn – zu Recht – auf die Palme. Ihn irritiert das nur noch mehr. Uns sicher hier durchzubringen erfordert viel Konzentration. “Fahr doch selbst, wenn du es besser kannst” ruft er mir sauer entgegen, als er absteigt. Er ist so wütend, dass er jetzt gar nicht mehr weiter fahren will.

Ich finde es unfair, dass er mir diesen Spruch an den Kopf wirft. Ich wünschte ja, ich könnte den Tiger hier selbst fahren… Normalerweise würde ich ja auch nicht einmischen, aber wir sitzen nun mal zusammen auf diesen scheiß Motorrad und deswegen müssen wir uns auch beide bei dieser Sache wohlfühlen. Punkt.

Zehn Minuten beleidigtes Schweigen. Dann steigt Moe wieder auf den Bock. Ich verspreche, ihn nicht mehr aus dem Konzept zu bringen, weil es alles nur noch gefährlicher macht. Die Sache ist damit beendet. Hier oben herrscht einfach Ausnahmezustand.

Bei allem Übel brettern auch noch drei Minienduros an uns vorbei. Hach, haben die es einfach. Manchmal wünschen wir uns auch, zwei so kleine Moppeds zu haben. Aber eben auch nur manchmal.

Als uns schließlich eine Gruppe portugiesischer Touristen an der chilenischen Grenze verrät, dass in nur zehn Kilometern der Asphalt beginnt, wird die Stimmung schnell besser. Was für eine Erleichterung!

Endlich wieder auf Asphalt fahren und die eindrucksvolle Landschaft genießen

Ich glaube, wir hatten schon schlechtere Schlafplätze…

Eine Oase in der Wüste

Nach der – im wahrsten Sinne des Wortes – reizenden Fahrt kommen wir in San Pedro an. Das kleine Touri-Örtchen liegt mitten in der Atacama-Wüste. Entgegen unserer Erwartungen ist es eigentlich ganz nett hier.

Trotzdem bleiben wir erstmal nur kurz, um uns mit Wasser und Lebensmitteln einzudecken. Dann geht es wieder raus aus dem Ort. Wir fahren zu einem Canyon, an dem wir abseits der Touristenströme unser Zelt für die nächsten zwei Tage aufschlagen. Genau das Richtige, um nach der so anstregenden Anreise zu entspannen. Ein kleiner Fluss, der durch den Canyon läuft, hat hier eine wunderschöne Oase in der Wüste geschaffen. Und die haben wir nun fast ganz für uns allein.

Bei Temperaturen an die 40 Grad tut das kalte Bad in der Natur richtig gut

Gekocht wird – wie immer – gemütlich auf dem Feuer

Mondlandung

Dann geht es zurück nach San Pedro, wo wir unser Fortbewegungsmittel wechseln, um die spektakuläre Gegend zu erkunden. Das Valle de la Luna (“Mondtal”) schafft es tatsächlich, dass wir uns wie auf einem anderen Planeten fühlen. Einfach Wahnsinn, was es alles für Orte auf unserem vielfältigen Planeten gibt. Wir sind hin und weg!

Die Fahrradtour ist anstrengend, aber es macht so viel Spaß!

Helm und Warnweste sind im Parkgebiet Pflicht

Das Amphitheater

Einfach nur episch!

Immer schön weiterstrampeln

Während Moe für ein paar Tage nach Santiago fährt, um ein paar Sachen zu besorgen (lieben Dank an Gesa nochmals!), mache ich noch einen Ausflug in die Quebrada del Diablo (“Teufelsschlucht”).

Neue Freunde

Da die Atacama-Wüste ein sehr beliebtes Zeil unter Reisenden ist, dauert es auch nicht lange, bis wir andere Motorradfahrer kennenlernen. Besonders schön ist die Geschichte von den Brasilianern Pepy, Leonardo, Edinei und Jonathan, die uns nach nur fünf Minuten zu Mitgliedern ihres Motorradclubs Las Papas do Asfalto (“Die Kartoffeln des Alphalts”) ernennen. Der Name passt ja auch ganz gut zu uns 😉 ! Die Truppe hat gerade zwei Wochen Urlaub, in der sie eine Rekordstrecke durch Brasilien, Argentinien und Chile zurücklegt. Jetzt ist es unsere Aufgabe, das Fähnchen der Papas noch etwas weiter um die Welt zu bringen…

Was für ein cooles Logo!