Es geht für uns raus aus dem Gewohnten, dem “fast-so-wie-in-Europa”, rein nach Bolivien, wo es doch – nach knapp zehn Monaten Uruguay, Argentinien und Chile – etwas anders läuft.

Bolivien stellt uns von Anfang an auf die Probe

Zu Beginn fassen wir all unseren Mut zusammen und fahren die abenteuerliche Lagunenroute. Sie führt durch die Hochwüste und ist als eine der härtesten, aber auch schönsten Strecken Südamerikas, bekannt. Ein ausführlicher Bericht darüber folgt noch an anderer Stelle!

Dann geht es für uns weiter in den Südwesten Boliviens. Über Tupiza und Villazon machen wir noch mal einen letzten Schlenker über Argentinien. Anscheinend verirren sich nur wenige Touristen in diese Gegend. Uns gefällt es hier besonders gut, denn die Farb- und Formpracht der Berge, die wir schon im Norden Argentiniens und Chiles bestaunen konnten, setzt sich hier weiter fort.

Motorradreparatur mal anders

Nicht weit von Tupiza entfernt, sehen wir auf einer Baustelle zwei junge Männer neben ihrem Motorrad stehen. Eine Panne mitten auf einer Baustelle – das kommt uns  doch irgendwie bekannt vor! Wir halten, um zu sehen, ob wir nicht etwas helfen können. Viel Ahnung haben wir zwar nicht, aber immerhin ein bisschen Werkzeug. Tatsächlich haben wir dann auch den passenden Schlüssel dabei, mit dem wir das Hinterrad des Motorrad abmontieren können. Eine Mutter der Schraube des Kettenrads hat sich gelöst und jetzt eiert das Hinterrad in der Schwinge hin- und her. Die passende Mutter haben wir leider nicht dabei, doch die Beiden meinen, dass sie lediglich alambre brauchen. Wir zeigen ihnen unser gesamtes Werkzeug, doch alambre scheint wohl nicht dabei zu sein. Dann hilft uns das Übersetzungsprogramm: Es ist Draht. Wie soll Draht helfen? Während wir darüber grübeln, rennt einer der Beiden zu einem Baustellenfahrzeug. Der Andere erzählt uns derweil, dass sie aus dem nur 20 Kilometer entfernten Tupiza kommen. Bestimmt finden sie einen Geländewagen oder Laster, der das kleine Mopped auf der Ladefläche mitnimmt und zur nächsten Werkstatt bringt.
Jetzt ist der Eine mit Draht zurückgekehrt. Ich traue meinen Augen kaum, als er versucht, die fehlende Mutter durch das Umwickeln der Schraube zu ersetzen. Dann bindet er den Rest des Drahtes an der Felge fest. Ich schaue Moe mit weit aufgerissenen Augen an, der sich das Lachen kaum verkneifen kann. “Das ist jetzt nicht sein Ernst! So können die unmöglich weiterfahren!”
Doch, das können sie. Das Rad wird schnell wieder montiert. Ich schlage – innerlich – die Hände über dem Kopf zusammen. Wenn das überhaupt hält, dann bestimmt keine zwei Kilometer. Doch die Jungs sind zuversichtlich und verabschieden sich dankend von uns.
Als die beiden schließlich in die Richtung lostuckern, aus der wir gerade gekommen sind, falle ich schließlich komplett vom Glauben ab. In dieser Richtung befindet sich für die nächsten 170 Kilometer gar nichts. Nada. Der Reifen eiert immer noch schrecklich, während sie davonrollen.
Ich möchte nicht weiter darüber nachdenken, was bei dieser Aktion alles passieren könnte. Lieber bewundere ich die Improvisation und vor allem diese Zuversicht, dass es schon gut gehen wird.

Blindes Gottvertrauen

Dieses Vertrauen hat wohl auch so manch ein bolivianischer Verkehrsteilnehmer beim Überholen in Kurven. Was uns nicht selten zum Fluchen bringt, denn wir sind hier die Schwächsten auf der Straße, die sich selbst überlegen müssen, wohin sie nun ausweichen, wenn der entgegenkommende Verkehr plötzlich auf unserer Spur ist. Wir wissen nicht, wo wir mehr Angst um unser Leben haben müssen: Auf den gerade beschriebenen Landstraßen oder doch in den größeren Städten, wo ohne Blinken oder Schulterblick (was ist ein Schulterblick?) nach reinem Gusto die Spur gewechselt und gerne auch ohne Ankündigung mitten auf der Fahrspur angehalten wird. Hier herrscht Anarchie und wenn man nicht lernt, sich seinen Platz im Verkehr zu nehmen, dann hat man hier ganz schnell verloren.

Aber vielleicht hilft es ja auch, wenn man an den netten Herrn Jesus glaubt. Denn gefühlt jeder Bus, Van oder Kleinwagen düst mit lustigen Beschriftungen und noch lustigeren Trash-Aufklebern à la “Jesus ist mein Führer” herum.  Wenn man seine Heiligkeit höchstpersönlich als Begleiter hat, wird man bestimmt auch vor den Konsequenzen wahnwitzigster Fahrmanöver verschont. Man muss nur fest genug daran glauben!

Ich weiß, das ist jetzt böse. Aber böse ist auch, wenn man einen LKW geradewegs auf sich zurollen sieht. Das Beten habe ich in diesem Moment trotzdem nicht angefangen.

Auch an dieser Stelle werden wir kurz nach dem Foto fast von einem entgegenkommenden Bus angefahren

Bolivien ist aufregend! 

Und am Anfang sind wir davon regelrecht euphorisiert. Wir wissen zunächst nur wenig über dieses Land, bekommen durch unsere Beobachtungen und im Gespräch mit Einheimischen einen immer besseren Eindruck in Kultur und Lebensumstände.

Gemessen an wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren ist Bolivien das ärmste Land Südamerikas. Gleichzeitig ist es jedoch reich an landschaftlicher und kultureller Vielfalt! Die indigene Bevölkerung – vorwiegend abstammend von den Aymara und Quechua – ist mit rund 60 Prozent in der Mehrheit. Boliviens erster Präsident mit indigenen Wurzeln, Evo Morales, ist seit 2005 dauerhaft im Amt (obwohl das laut Verfassung eigentlich gar nicht geht…) und hat eine scheinbar große Unterstützung in der Bevölkerung. Zumindest wenn man den Zusprüchen an jeder Wand, auf jedem Stein, an jedem Pfosten Glauben schenken mag… Evos charismatischen Kopf sieht man überall!

Genau wie die Cholitas. So werden die indigenen Frauen genannt, die sich traditionell kleiden. Melonenhut, buntes Schultertuch und Puffrock. Dazu zwei lang geflochtene Zöpfe, die am Ende mit einer Kordel zusammengehalten werden. Vor einigen Jahren wurden Cholitas noch sehr diskriminiert. Doch seit den letzten 10 Jahren haben sie sozial wie wirtschaftlich wieder an Bedeutung und Selbstbewusstsein gewonnen. Nun sieht man Cholitas in den verschiedensten beruflichen Positionen. Uns gegenüber sind sie immer etwas mürrisch und verziehen keine Miene. Ich glaube, ich habe noch nie ein so hartes, ruppiges “¿como estas?” gehört, wie es die Verkäuferin eines kleinen Ladens uns entgegenbrachte. Wenn Fragen töten könnten… Einfach herrlich!

Aber es gibt auch Menschen, die Lächeln können. Auf dem Tiger bekommen wir zahlreiche Daumen hoch geschenkt – sogar von der Polizei!

Zur Hochzeit haben die Cholitas ihre beste Tracht angezogen

Tanken – eine Sache für sich

Es kann kompliziert sein, in Bolvien zu tanken. Jedenfalls dann, wenn man nicht bereit ist, den über doppelt so hohen Benzinpreis für Ausländer zu zahlen. Darüber hinaus wollen viele Tankwarte Ausländer gar nicht erst bedienen, weil die Abrechnung über den Ausländerpreis einen erhöhten bürokratischen Aufwand für sie bedeutet. Die Lösung: Kanister. Man parkt außerhalb der Tankstelle (da es überall Überwachungskameras gibt) und läuft mit den Kanistern zum Tankwart. Manchmal muss man dann noch handeln, aber das ist in Bolivien sehr einfach:
“Das kostet 80 BOL.”
“Das ist aber viel.”
“Okay, dann eben 40.”
Das Benzin hat jedoch nur 87 Oktan, was dem Tiger später noch einige Probleme bereiten wird…

Mal nicht im Zelt schlafen

Obwohl wir sonst versuchen, große Städte zu meiden, kommen wir auf unserem Weg durch Bolivien nicht daran vorbei. Campingplätze gibt es hier auch fast keine und so hangeln wir uns an Tarija, Potosi, Oruro bis nach Cochabamba entlang. Wir freuen uns, dass wir uns hier in Bolivien endlich Unterkünfte leisten können, auch wenn diese oft in einem sehr, sehr einfachen Zustand sind. Die Regenzeit fängt nun langsam an und da ist es doch ganz schön, wenn man abends ein Dach über dem Kopf hat. Dazu können wir nun auch regelmäßig essen gehen, denn ein Menü bekommt man schon für umgerechnet 2 Euro.

Welcome to the jungle

Von Cochabamba aus machen wir dann noch einen Abstecher in den Nationalpark Carrasco. Es geht also vom hohen Altiplano, wo wir uns die meiste Zeit über 3500 Höhenmetern befinden, runter bis auf 400 Meter. Wir finden ein sehr schön gelegenes und absolut ruhiges Plätzchen, das in sehr mühe- und liebevoller Arbeit aufgebaut worden ist. Schnell werden wir von der kleinen Familie aufgenommen, die den kleinen ökologischen Park betreibt. Hier leben alle Tiere frei und friedlich nebeneinander, es blüht und wächst eine riesige Auswahl tropischer Blumen und Früchte.

Weil es hier so schön ist, bleiben wir etwas länger und genießen die Zeit mitten in der Natur. Wir vertreiben uns den Tag damit, den Ameisen bei der schweren Arbeit zuzuschauen, mit den Kindern zu spielen und uns durch die Vielfalt der Früchte zu probieren, von denen wir zuvor noch nie etwas gehört haben.

Die Regenzeit bringt nun alles zum Blühen

Zwei Quatschköpfe

Luciano ist unser Liebling! Er lebt auf dem Baum neben unserem Zelt und liebt den Kontakt zu Menschen

So ein wunderschönes Tier!

Ameisen können das 7-fache ihres eigenen Körpergewichts tragen

Soll ich ihn befreien?

Am Fluss halten wir nach Affen Ausschau

Jede Nacht prasselt heftiger Regen auf das Zelt

Es ist das Paradies – wenn da nicht die Mücken wären

Dann brechen wir nach La Paz auf. Dort wollen wir wandern gehen und die berühmte “Death Road” fahren. Doch kurz nach unserer Abreise gibt es noch Mal einen kleinen Zwischenfall…